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Klaus Staeck zur Kulturpolitik : „Als wären wir alle in einem Kokon“

Klaus Staeck war neun Jahre lang Präsident der Berliner Akademie der Künste. Nun zieht er eine Bilanz ihrer öffentlichen Wirkung – ein Gespräch über Erfolge, Niederlagen und Herausforderungen.

          Herr Staeck, mit Ihrem Amtsantritt vor neun Jahren waren große Hoffnungen verbunden. Sie wollten die Akademie und ihre Mitglieder stärker in der Öffentlichkeit sichtbar machen. Wenn Sie jetzt Bilanz ziehen: Wie weit ist Ihnen das gelungen?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ich denke gut. Aber es war nicht einfach. Ich habe damals eine Art Baustelle übernommen, nicht bloß im Haus. Als ich gewählt wurde, dachte ich zuerst: Was sind das für Zeiten, in denen jetzt schon Satiriker zu Akademiepräsidenten gewählt werden? Dann aber sofort: Meine Aufgabe ist, den öffentlichen Raum zu verteidigen. Denn dort spielt sich die lebendige Demokratie ab. Wer wie ich in seiner Jugend die Unfreiheit erlebte, hat ein besonders intensives Verhältnis zur Freiheit. Ich bin noch zu Zeiten des Stalinismus in die Schule gegangen. Das waren noch restriktivere Verhältnisse als in der späteren DDR.

          Wenn man an Ihre Amtszeit zurückdenkt, fallen einem viele große Ausstellungen ein, über Zille, George Grosz, Mario Adorf. Was ist von Ihrem Plan geblieben, die Akademie zu einer wichtigen Stimme in diesem Land zu machen?

          Es gibt zwei Dinge, die ich eingeführt habe: Einmal die Akademie-Gespräche, mit denen wir aktuelle politische Themen zum Gegenstand unserer öffentlichen Debatten gemacht haben. Dann das Projekt „Kunstwelten“, mit dem Akademiemitglieder vor allem in ostdeutsche Schulen gehen, ganz bewusst in Gegenden, die man schon demokratiefern nennen kann. Mein Vorteil ist, dass ich sehr viele Leute auch aus der politischen Arena kenne. Fünf Tage nach meiner Wahl wollte Steffen Kampeter, der Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bundestag, uns plötzlich den Haushalt sperren. Ich habe ihn sofort gefragt: Wollen Sie etwa wegen meiner Wahl zum Präsidenten die Akademie lahmlegen? Inzwischen sind wir befreundet. Auch zu Bernd Neumann, dem früheren Kulturstaatsminister, bestand ein produktives Arbeitsverhältnis. Ich habe sogar zu Neumanns siebzigsten Geburtstag die Laudatio gehalten – der überzeugte Sozialdemokrat für den Christdemokraten. Demokratie lebt von der streitbaren Auseinandersetzung über die wichtigen Themen der Zukunft. Deshalb bin ich über die Mehltau-Atmosphäre so zornig, die heute in der Republik vorherrscht.

          Wie stark ist denn die Stimme der Akademie wirklich, wenn man etwa an die Diskussion um das Handelsabkommen TTIP denkt? Da haben Sie sich klar positioniert. Aber bis in die Fernsehnachrichten ist das nicht vorgedrungen. Spielt Kultur in öffentlichen Debatten einfach keine große Rolle mehr?

          Also, ich war viele Male im Rundfunk und mehrmals im Fernsehen mit diesem Thema. Die Auseinandersetzung um TTIP ist für mich fast zur Vollzeitbeschäftigung geworden. Ich sitze für die Akademie im Beirat des Wirtschaftsministeriums neben dem Vertreter der Automobilindustrie, Herrn Wissmann, neben Herrn Grillo vom BDI, und wie sie alle heißen. Und wir haben bewusst Monika Grütters eingeladen, ihre Grundsatzrede zu TTIP hier in der Akademie zu halten. Zum gleichen Thema fand bei uns eine Pressekonferenz mit dem IG-Metall-Vorsitzenden statt. Das gab es noch nie, dass der Vorsitzende der größten Einzelgewerkschaft mit dem Präsidenten der Akademie gemeinsam vor die Presse tritt. Leider haben die meisten Medien dieses Ereignis aber ignoriert.

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