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Klage wegen Welfenschatz : Noch mal: wie freiwillig war dieser Verkauf?

  • -Aktualisiert am

Eine Restitution des Welfenschatzes hat die Limbach-Kommission nicht empfohlen. Jetzt klagen die Erben zweier der einstigen Käufer dagegen in Amerika. Wird der Fall neu aufgerollt?

          Die Klageschrift hat 71 Seiten, 65 Seiten umfassen die angehängten Dokumente, die sie begründen sollen. Wie gestern auf einer Pressekonferenz in Berlin bekanntgegeben wurde, haben zwei Nachfahren von deutschen Kunsthändlern die Bundesrepublik Deutschland vor dem United States District Court for the District of Columbia in Washington auf Herausgabe des Welfenschatzes verklagt: 42 mittelalterliche Goldschmiedearbeiten, Kreuze, Altäre, Monstranzen, Reliquiare und andere Kultgegenstände von unschätzbarem kulturellen Wert, die zwischen dem elften und fünfzehnten Jahrhundert im Auftrag der Adelsgeschlechter der Brunonen und der Welfen entstanden waren.

          Jahrhundertelang befand sich der Schatz erst in der Braunschweiger Blasiuskirche und dann im Dom, bevor ihn nach mehrfachen Besitzerwechseln Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg zum Kauf anbot; wegen der Weltwirtschaftskrise benötigte er Geld. Die 82 Einzelstücke erwarben schließlich für 7,5 Millionen Reichsmark namhafte jüdische Kunsthändler aus Frankfurt: Zacharias Max Hackenbroch, Isaak Rosenbaum und Saemy Rosenberg in der Firma J. Rosenbaum und Julius Falk Goldschmidt in der Firma I. & S. Goldschmidt. Das Quartett organisierte Verkaufsausstellungen in Frankfurt und Berlin, später auch in New York, Cleveland, Chicago und Philadelphia. Die prachtvollen Kultgegenstände und Kataloge blieben nicht ohne Wirkung: 39 Stücke wurden von Museen und privaten Sammlern angekauft.

          Kein Urteil in Deutschland möglich

          Den freien Verkauf des restlichen Welfenschatzes, der in einer Bank in Amsterdam eingelagert war, verhinderten die Nationalsozialisten. Sie begannen schon unmittelbar nach ihrer Machtübernahme im Januar 1933 damit zu überlegen, wie der „national wertvolle“ Schatz für das Deutsche Reich gesichert und gleichzeitig sein Preis so weit wie möglich gedrückt werden könnte. Dokumente, die der Marburger Rechtsanwalt Markus Stötzel in verschiedenen Archiven fand, belegen unter anderem, dass die Dresdner Bank dabei den Strohmann spielte. Sie zeigen auch, dass die Kunsthändler schon bald jenen Repressalien unterlagen, die allen Juden aufgezwungen waren, dass sie mit Berufsverbot belegt wurden und Zwangsabgaben zahlen mussten. Einige von ihnen lebten noch in Frankfurt oder hatten Verwandte in Deutschland, die als Juden ebenfalls in Gefahr waren. Der Kaufpreis betrug schließlich 4,25 Millionen Reichsmark.

          Die Erben der vier Kunsthändler sahen damit - kein freiwilliger Verkauf, kein angemessener Preis, keine freie Verfügung über das erhaltene Geld - drei Hauptkriterien erfüllt, denen in der Washingtoner Raubkunst-Erklärung von 1998 auch Deutschland zugestimmt hat. Weil die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aber keinen Verkauf unter NS-Druck erkennen konnte, den Preis angesichts der Wirtschaftskrise und fehlender anderer Interessenten - denen allerdings zum Teil nahegelegt worden war, sich nicht um einen Kauf zu bemühen - für angemessen hielt und darauf hinwies, dass hinter den vier Händlern noch andere Geldgeber steckten, wandten sich beide Parteien 2012 an die für Streitfälle eingerichtete Limbach-Kommission. Sie teilte am 20. März 2014 mit, dass sie sich der Position der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in vollem Umfang anschließe und eine Restitution nicht empfehlen könne. Das allerdings ist nur eine Empfehlung und kein Urteil, gegen das Rechtsmittel eingelegt werden könnten. Diese Möglichkeit gibt es in Deutschland wegen der Verjährung in Raubkunstfällen nicht.

          Fall muss erst zur Verhandlung angenommen werden

          Deshalb klagen die Erben von zwei der am Welfenschatz-Konsortium beteiligten Kunsthändler nun in den Vereinigten Staaten. Die Anwälte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz werden nun, wie eine erste Stellungnahme bereits andeutet, dagegen vorgehen, dass der United States District Court for the District of Columbia den Fall überhaupt zur Verhandlung annimmt. Gelingt dies nicht, spielt die Argumentation in der Klageschrift eine entscheidende Rolle. In ihr wird der Bundesrepublik Deutschland unter anderem vorgeworfen, gegen internationale Abkommen verstoßen zu haben. So sei bereits 1943 in der später auch von Deutschland akzeptierten „London Declaration“ festgelegt worden, dass alle Rechtsgeschäfte, die nach dem 30. Januar 1933 mit Juden in Deutschland getätigt wurden, per se unter Verfolgungsdruck stattgefunden hätten und deshalb als nichtig anzusehen seien.

          Außerdem hätten sich Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände in ihrer gemeinsamen Erklärung zur NS-Raubkunst 1999 zu einer Beweisumkehr verpflichtet: Nicht die Anspruchsteller müssten in strittigen Fällen belegen, dass ihr ehemaliges Eigentum unter Druck verkauft und kein angemessener Preis bezahlt wurde und dass über gezahltes Geld nicht frei verfügt werden konnte. Sondern es sei an den deutschen Museen, Belege beizubringen, dass ihre Sammlungsstücke rechtmäßig erworben wurden. Das ist im Fall des Welfenschatzes bislang nicht gelungen.

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