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Boom moderner Glasmalerei : Denn alles Licht will Ewigkeit

Seelenfenster: Der erste der drei Richters ist in der Abtei Tholey bereits eingebaut. Bild: dpa

Eine Renaissance der Gotik: Im ältesten Kloster Deutschlands werden Ende September neue Künstlerfenster von Gerhard Richter eingeweiht. Zum anhaltenden Siegeszug monumentaler Glasmalerei.

          6 Min.

          Wenn Gerhard Richter als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler im saarländischen Tholey, dem ältesten Kloster Deutschlands mit Ersterwähnung im Jahr 634, am 20. September drei neue Fenster einweiht, ist das nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die interessanterweise bereits in den neunziger Jahren begann: Moderne Maler, aber auch Bildhauer wie Tony Cragg, begeistern sich in den letzten Jahren und aktuell massiv für die mittelalterliche Kunstgattung „Kirchenfenster“. Warum?

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch bei individuell sicher unterschiedlichen Motivationen gibt es einen Grund, den fast alle zeitgenössischen Künstler als faszinierend angaben: Die Kirchen sind die ältesten Museen der Welt. Immer schon stellten sie Kunst öffentlich zugänglich aus, Ewigkeitsanspruch – anders als Museen mit permanenten Umhängungen bei jedem Direktionswechsel – inbegriffen. Etwas Weiteres kommt hinzu: Während überwältigende Monumentalkunst in Deutschland seit dem Nationalsozialismus verpönt ist, lässt sich nichts Monumentaleres als Fenster für himmelstürmende gotische Kathedralen und Großkirchen vorstellen: Gerhard Richters Südquerhausfenster des Kölner Doms von 2007 misst 113 Quadratmeter, das unverändert größte Kirchenfenster Europas von Georg Meistermann in Sankt Kilian im unterfränkischen Schweinfurt sogar 240 Quadratmeter. Beide Künstler waren und sind indes nicht konfessionell gebunden. Denn dass die Künstler für den kirchlichen Auftrag konvertieren oder ein heiligengemäßes Leben führen müssten, würde heute ohnehin kein Domkapitel mehr fordern.

          Wörtlich genommen: Bei den Züricher Achatfenstern des gelernten Glasmalers Sigmar Polke fällt das Licht durch echte Halbedelsteine, aus denen die Scheiben im Mittelalter auch hergestellt worden waren.
          Wörtlich genommen: Bei den Züricher Achatfenstern des gelernten Glasmalers Sigmar Polke fällt das Licht durch echte Halbedelsteine, aus denen die Scheiben im Mittelalter auch hergestellt worden waren. : Bild: Ref. Grossmünster

          Nicht nur im Mittelalter entstanden Glasmalereien aus purem Edelstein

          Andere Ursprünge für die Faszination der modernen Künstler aber liegen noch tiefer: Die Wahlverwandtschaft beginnt ausgerechnet mit Mies van der Rohe und dem Aachener Dom. Der junge Mies ging jeden Tag auf dem Schulweg am berühmten karolingischen Münster seiner Heimatstadt vorbei, an dessen wilhelminischer Goldmosaikausstattung sein Vater mitwirkte. Besonders die nahezu vollkommene Auflösung der Wand der gotischen Annakapelle in Licht faszinierte den ausgebildeten Steinmetz. Und obwohl Mies kein einziges Fenster in einer Kirche gestaltete oder auch nur einen Entwurf dafür abgeliefert hätte, blieb die Fensterkunst der gotischen Kapellen-Anbauten am Münster seine lebenslange Inspiration. Als gewissermaßen schwerelose „neugotische“ Gebilde wollte der Architekt seine Bauten verstanden wissen: Mit schlanken neogotischen Kreuzpfeilern aus Stahl, vor allem aber mit Wänden aus Glas und Licht, ohne strikte Trennung zwischen Innen und Außen, denn das hieße ja, um beim Beispiel des Aachener Doms zu bleiben, Gott und die Schöpfung „draußen vor der Tür“ auszuschließen. Während aber bei Mies’ Bauten das Glas kein durch Bleiruten gefasstes Buntglas ist und stattdessen in fast all seinen ikonischen Bauten Wandteiler aus Schmucksteinen wie Onyx für eine pseudosakrale Lichtbrechung und Atmosphäre sorgen, griff der Katholik Joseph Beuys als Mitarbeiter seines Lehrers Ewald Mataré für dessen großes Westwerkfenster in Aachen von 1952 zu kristallinen Formen aus ungeschliffenen Bergkristallen – gerade so, wie es Sigmar Polke, übrigens ein gelernter Glasmaler, mit seinen Fenstern aus geschliffenem Achat im Züricher Grossmünster tat oder im Mittelalter das Buntglas aus geschmolzenen Halbedelsteinen wie Lapislazuli aus Afghanistan bestand und somit die kostbarste und mit weitem Abstand teuerste Kunst der Zeit war.

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