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Heilig Kreuz-Kirche in Giesing : Himmelwärts atmen

  • -Aktualisiert am

Flügel der Lüfte: Fensterverglasung in der Münchner Heilig-Kreuz-Kirche Bild: dpa

Auf den Fenstern der Heilig Kreuz-Kirche im Münchner Stadtteil Giesing sind seit wenigen Monaten 1200 Röntgenaufnahmen von Lungen zu sehen. Jetzt haben sie pandemische Brisanz erlangt.

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          Als vorigen Herbst die letzten Scheiben eingesetzt waren und damit die neuen Fenster von Heilig-Kreuz in München-Giesing vollendet, ahnte niemand, welche Aktualität dieses Kunstwerk bald erhalten sollte: Die Fenster zeigen Lungen. Genauer rund 1200 Röntgenbilder der menschlichen Lunge, also jenes Organs, dem das Virus gerade so heftig zusetzt. Flüchtig betrachtet wirken die Bilder der sieben Fenster im Chor wie ein leicht variiertes Ornament. Bei genauerem Hinsehen lassen sie das Lungenmotiv erkennen, sanftes Licht fällt hindurch, taucht den Kirchenraum in leicht gedämpfte Helligkeit, mit der Sonnenstand und Witterung spielen.

          Zwei Jahre nach einem 2014 ergebnislos verlaufenen Wettbewerb wandte man sich an Christoph Brech und fragte den in München lebenden Foto- und Videokünstler, ob er mit einem neogotischen Gesamtkunstwerk genauso gut umgehen könne wie mit mittelalterlicher Kunst. Zuvor hatte Brech in einer vielbeachteten Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum in München eigene Arbeiten in den Mittelaltersaal der Schausammlung eingefügt und mit ihr poetisch korrespondieren lassen. „Uns war wichtig, dass die Kirche durch zeitgenössische Kunst in die heutige Zeit kommt“, sagte Heilig-Kreuz-Pfarrer Engelbert Dirnberger; mit Brech fiel die Entscheidung auf einen Künstler, der mit Respekt und innovativ an die Aufgabe heranging.

          Die einzigartige Schöpfung des Menschen

          Die Heilig-Kreuz-Kirche thront auf dem „Giesinger Berg“, sie ist Münchens einziges fast vollständig erhaltenes Gotteshaus der Neogotik. Nur die ursprünglichen Glasmalereifenster gingen durch einen Bombenangriff im Krieg verloren. Bau und Innenausstattung des „Giesinger Doms“ wurden perfekt renoviert. Nachkriegsmaßnahmen wurden rückgebaut. Altäre und Skulpturen mussten ebenso aufgefrischt werden wie ein gemalter rotgrundiger Wandteppich unter den Chorfenstern – hier entdeckte Brech seinen formalen Ansatz: Das abstrakte Bogenmotiv des gemalten Tuchs würden die Lungenbilder gegenständlich aufgreifen und in die Lichtzone überführen, wo ihre Flügelform mit den Schwingen der Engel im Hochaltar korrespondiert.

          „Und da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“, so steht es in der Genesis; der erste und der letzte Atemzug definieren unser Leben. Die Riesensammlung von 1200 Thorax-Aufnahmen zitiert die Schöpfung des Menschen in ihrer Diversität und Einzigartigkeit. Durch den Blick ins Körperinnere fällt Äußeres weg, Hautfarbe, Geschlecht, Alter spielen keine Rolle, „was bleibt“, so der Künstler, ist „das Urmenschliche“.

          Die Röntgenbilder vom Thorax seien mehrheitlich nicht wegen Krankheitsverdacht gemacht worden, sondern etwa für TBC-Reihenuntersuchungen oder vor Operationen, sagt Brech, kranke Organe steckten daher nur wenige in den Fenstern, aber auch die gehörten zum Leben wie die Gewissheit um die Endlichkeit, die der eine oder andere sichtbare Herzschrittmacher andeutet. Röntgenbilder des Thorax, mit denen der Künstler seit drei Jahrzehnten immer wieder arbeitet, überließen ihm Arztpraxen anonymisiert. Für die Fenster ihrer Heilig-Kreuz-Kirche brachten ihm auch etwa dreißig Gemeindemitglieder ihre Aufnahmen – moderne, ja, demokratische Stifterbilder sozusagen -, auch die Lunge des Pfarrers ist dabei und Brechs eigene.

          In langwieriger Bearbeitung kehrte der Künstler am Rechner die Lichtwerte des Originals um, nun stehen die Lungenflügel hell vor dunklerem Grund. Auch nahm er Knochenstrukturen heraus: „ich wollte kein Memento mori wie der Barock“, der Akzent liegt auf der Nähe zur Flügelform, der Assoziation aufwärts strebender Leichtigkeit, die sich der gotischen, also auch neugotischen Spitzbogenstruktur ideal angleicht. Brechs Werk zitiert aber auch ein Kreuz: Schlüsselbein und Rückgrat bilden es und erinnern an jenes Kreuz, das laut Jesus Aufforderung jeder Gläubige auf sich nehmen soll.

          Die Hofglasmalerei Gustav van Treeck druckte die Bilder auf Glas von zartestem Blau. Ein Blick auf die Daten zeigt: Die Lungen für Heilig-Kreuz passen ins historische Zeitfenster. 1886 wurde die Kirche geweiht, neun Jahre später entdeckte Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen. Noch sind einige Fenster der Kirche nur farblos verglast. Sollten irgendwann wieder Mittel für deren Schmuck fließen, könnten auch von Corona genesene Atmungsorgane darunter sein.

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