https://www.faz.net/-gqz-6ujjh

Kienholz-Ausstellung in Frankfurt : Schreckensfährte der Steckenpferde

  • -Aktualisiert am

Die Frankfurter Schirn zeigt die politische Kunst von Edward und Nancy Kienholz. Ihre Unzufriedenheit mit der Macht ist heute wieder äußerst aktuell.

          4 Min.

          Für zarte Kinderseelen dürfte die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle nur bedingt geeignet sein: Politische Schreckensbilder sind zu sehen, mit denen der amerikanische Künstler Edward Kienholz (1927 bis 1994), von 1972 an gemeinsam mit seiner Frau Nancy Reddin Kienholz die bigotten und heuchlerischen Landsleute aufrütteln wollte und dabei keinerlei Tabubruch scheute. Und so führten seine provokanten und drastischen Tableaux, die soziale Mißstände, Rassenkonflikte oder die Ausbeutung von Frauen anprangerten, bei seiner ersten großen Ausstellung im Los Angeles County Museum 1966 auch zunächst zu einem saftigen Skandal - und gleich darauf zu einem Besucherrekord.

          Kein Zweifel: Er gehörte nicht zu zu jener ärgerlichen Kategorie von Künstlern, die sich irgendeines Themas nur deshalb annehmen, weil es in der Luft liegt oder gerade Mode ist. Nein, Edward Kienholz war ein großer und leidenschaftlicher Moralist, der sich nicht darauf verließ, mit frommen Sprüchen die düstere Kehrseite des „American way of life“ verändern zu können, sondern diesem Ziel durch Schock und Horror und beißende Sozialkritik zu erreichen suchte. „Adrenalingetränkter Zorn hat mich durch meine Arbeit getrieben“ erinnerte er sich an seine Anfänge als junger Künstler: es war die Zeit des Kalten Krieges, der antikommunistischen McCarthy-Ära, einer fast omnipäsenten Prüderie und Verachtung von Randgruppen.

          Abtreibung im hübsch-hässlichen Wohnzimmer

          Diese Widersprüche sind Geschichte; ein 1961 entstandenes Werk von Kienholt wie „Nativity“ aber kann humorbegabte Kinder von heute durchaus erfreuen. Bethlehem, der Ort des weihnachtlichen Geschehens, ist mit ein paar spärlichen kleinen Plastikpalmen im Hintergrund angedeutet, Josef steht mit einem freundlichen Holzesel davor. Maria ist mit einem Rugbyschläger vor ihrem krönchengeschmückten Kopf von ungewöhnlicher Art ausgestattet, und das Jesuskind liegt mit einer fleißig blinkenden Warnblinkleuchte als Kopf in einem rechteckigen Schuhschachtelkörper, aus dem unten seine rundlichen Babybeine herausragen. Ein Engel und die gleichfalls diensthabenden Heiligen Drei Könige sind mit ihren Gaben in jeweils zweckmäßig verfremdeten Kostümen aus Materialien vom Sperrmüll anwesend und gleichwohl mühelos in ihren biblischen Rollen zu erkennen.

          Ein anderes, ebenfalls relativ aggressionsarmes Tableau, „The Commercial # 2“ aus den Jahren 1965 bis 1971, behandelt die Forderung nach der Legalisierung der Abtreibung, zunächst auf einem „Concept Tableau“ formuliert. Einige Jahre später installierte er davon ausgehend sein großformatiges Interieur, ein allenfalls als hübsch-hässlich zu bezeichnendes Wohnzimmer mit falschem Perserteppich, Schalensessel, mächtigem pseudobarocken Schrank und einem Fernseher, auf dem ein rotes Klebeband mit der Parole „Legalize Abortion“ zu sehen ist. Dass Kienholz diese Forderung gerade in jener spießigen Idylle unübersehbar plakativ ansiedelte, wirkt eingermaßen ironisch. Ergänzend und vertiefend kreierte der Künstler ein sogenanntes „Drawing“ (also im Gegensatz zu den „Concept Tableaux“ keine Vorstudie) zu „Commercial # 2“, ein kleines Ensemble mit Stuhl, Fenster, Lampe und kaputtem Tablett, auf dem abermals „legalize abortion“ steht.

          Weitere Themen

          Greta von gestern

          Thunberg-Doppelgängerin : Greta von gestern

          Ist Greta Thunberg eine Zeitreisende? Ein Twitternutzer hat sie jedenfalls auf einem Foto von 1898 erkannt. Dann verselbständigte sich die Sache.

          Topmeldungen

          Vor dem CDU-Parteitag : Wer wird Kanzlerkandidat?

          In Leipzig wird das große Schaulaufen zwischen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz erwartet. F.A.Z.-Ressortleiter Jasper von Altenbockum verrät im Video die Chancenverteilung und wen man nicht vergessen darf.
          Das Geburtshaus Hitlers (rechts) wurde mit einer Entschädigung von 812.000 Euro von seiner vorherigen Eigentürmerin enteignet.

          Hitlers Geburtshaus : Braunau braucht einen neuen Frame

          Hitlers Geburtshaus wird nach den Plänen des österreichischen Innenministers eine Polizeidienststelle. So soll es einer Erinnerung an den Nationalsozialismus entzogen werden. Manche finden: Es gäbe bessere Optionen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.