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Malerei von Anita Albus : Wie man die Lichtfalle malt

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Flügel, samtig und schwarz: Eine Kieler Ausstellung zeigt Bilder von Anita Albus, die gerade für die Kunsthalle erworben worden sind. Die Künstlerin und ihr Pigmentelieferant erklären, was das Besondere an ihren Farben ist.

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          Wer in der Kunsthalle zu Kiel die neuen Bilder von Anita Albus sieht, die gleich im ersten Saal der ihr gewidmeten Ausstellung hängen, erlebt mehrere Überraschungen. Für jedes Museum gibt es ja einen Verhaltenscodex, auf den nirgends hingewiesen werden muss und an den sich trotzdem alle halten. In Naturkundemuseen darf zum Beispiel auch mal gerannt werden, wie es Kinder eben tun, in Kunstmuseen dagegen bewegen sich die Besucher langsam, um dann und wann, aufrecht wie eine Statue, vor Werken stehenzubleiben, in angemessenem Abstand.

          In Kiel muss man es anders machen: Die Autorin dieser Zeilen hat sich auf die Zehenspitzen gestellt, ist danach in die Hocke gegangen, hat den Oberkörper mal zur einen Seite gebogen, dann zur anderen, und stand, bei aller Vorsicht, so nahe an den Bildern, dass unter anderen Umständen die Alarmanlage ausgelöst worden wäre. Wofür es gut sein soll, sich derart zu verrenken? Um zu verstehen, wie diese herrlichen Bilder von Schmetterlingen, Pflanzen oder Vögeln gemacht sind. Wie es kommt, dass ein Flügel so samtig schwarz sein kann, dass er das Licht verschluckt. Oder dass ein anderer grünlich schillert, wenn man ihn von links anschaut – und golden von rechts. Und das ist nur der Anfang.

          Rückgriff auf die Alten Meister

          Für die Kunsthalle zu Kiel wurden kürzlich dreiundsechzig Werke der Malerin und Schriftstellerin Anita Albus erworben, mit den Mitteln der „Karl-Walter Breitling und Charlotte Breitling-Stiftung“. Diese Bestände, die den Großteil von Albus’ Werk umfassen, werden nun in der Ausstellung „Die Kunst zu sehen“ gezeigt.

          Darüber hinaus werden auch noch zehn Werke ausgestellt, die Albus erst kürzlich fertiggestellt hat und die somit zum ersten Mal überhaupt zu sehen sind. Über ihre besondere Art zu malen, wurde häufig geschrieben und auch viel debattiert. Zu den Bewunderern zählen Claude Lévi-Strauss oder W. G. Sebald, der Rückgriff auf die Malprozesse der Alten Meister stößt jedoch bei einigen noch immer auf Vorbehalte. Dabei geht es der Künstlerin nicht darum, einen Vergangenheitskult zu betreiben.

          Seltene Organismen, vom Aussterben bedroht

          Albus hat sich in ihrem gesamten Schaffen immer wieder der Natur gewidmet und der Frage, welche Techniken und Pigmente, Malgründe oder Pinsel sich am besten dafür eignen, Pflanzen oder Tiere darzustellen. Kurzum: Ein Mobiltelefon oder ein Auto muss niemand mit alten Naturpigmenten malen, was sollte das bringen? Aber die Werke der Natur mit den Stoffen abzubilden, die sie selbst hervorgebracht hat, ergibt viel Sinn.

          Zum Teil sind die Materialien so selten wie die Organismen, denen sich Albus widmet und von denen viele vom Aussterben bedroht sind. Um es mit einem Vergleich aus der Gegenwart zu verdeutlichen: Wäre Anita Albus ein Architekt, dann wahrscheinlich Peter Zumthor. Wenige statt viele Projekte. Diese mit größter Hingabe und Sorgfalt im Detail durchführen. Keine Kompromisse, um schneller voranzukommen. Ehrfurcht vor den Materialien, mit denen man arbeitet.

          Schillernde Farbwechsel

          Die Kieler Schau umfasst drei große Räume. Die Wände wurden farbig gestrichen, in Blau, Petrol und Dunkelrot. Einige wurden neu eingezogen, sie unterteilen die Säle diagonal und schließen sich zu einer Zickzackform zusammen. Das Rätsel der Schmetterlinge steht am Beginn, Albus schreibt an einem Buch über sie, das im Herbst 2018 im S. Fischer Verlag erscheinen wird; dort publizierte sie auch schon die illustrierten Bände „Von seltenen Vögeln“ und „Das Botanische Schauspiel“. Sämtliche Gemälde aus diesen Büchern werden in Kiel gezeigt.

          Doch zum Beispiel: Ein Gemälde zeigt den Trogonoptera trojana, einen Schmetterling, der nur auf Palawan vorkommt, einer Insel der Philippinen. Seine Flügel sind es, die so samtig schwarz sind, dass sie alles Licht des Kieler Ausstellungsraums zu verschlucken scheinen. An den Flügelrändern gibt es eine schillernde Zeichnung, die, je nachdem, wo man sich hinstellt, die Farbe wechselt. Dass die Natur solche Effekte beherrscht, nimmt man viel zu selbstverständlich hin. Warum eigentlich?

          Das Innerste der Farben

          Hier aber, im Gemälde, bemerkt man das Wunder und fragt sich, wie es um alles in der Welt dargestellt werden konnte. „Aquarell“ steht auf dem Wandschildchen, und den Rest muss ein Anruf bei Anita Albus in München klären. Unter den Gegenwartskünstlern gibt es kaum jemanden, der so wie sie die Farben bis ins Innerste kennt.

           Frau Albus, wie kann Schwarz so unendlich schwarz sein?

          Das liegt am Pigment, ein ganz seltenes, es ist Elfenbeinschwarz.

          Elfenbein ist doch weiß?

          Ja, bevor es verkohlt. Elfenbein besteht aus Kalziumapatit. Die einzelnen Kristalle sind durch Proteine verbunden, die, wenn sie verbrannt werden, winzige Löcher hinterlassen. Das einfallende Licht wird darin im Zickzack hin- und hergeworfen. Man nennt das „Lichtfalle“.

          Was lässt in der Natur den Schmetterlingsflügel schillern?

          Das ist eine sehr komplexe Architektur. Jedes Schüppchen ist der abgeflachte hohle Spross einer einzelnen Zelle der Flügelmembran, die auf jedem Quadratmillimeter zweihundert bis sechshundert dieser Hohlgebilde aufweisen kann.

          Bringt Sie das als Malerin nicht zur Verzweiflung?

          Man wird an die Grenze des Menschenmöglichen getrieben. Die Künstlerin Maria Sibylla Merian schrieb über den Blauen Morphofalter, dass er „unbeschreiblich schön“ sei, und: „Seine Schönheit ist mit keinem Pinsel wiederzugeben.“

          Damit ist Anita Albus gelungen, woran Merian scheiterte, auch wenn in Kiel kein Morphofalter schillert, sondern ein Schmetterling aus Palawan.

          Am Telefon erzählt Albus noch, wie sie Pinsel bei Kremer Pigmente in Aichstetten bestellte, einem Unternehmen im Allgäu, das berühmt für seine Naturpigmente ist und Museen weltweit beliefert, darunter den Louvre. Als die Pinsel in München eintrafen, lag dem Paket ein Kästchen bei, ein Geschenk von Georg Kremer, dem Firmengründer. Darin: Perlglanzfarben für das Schmetterlingsprojekt. Noch ein letzter Anruf, dieses Mal in Aichstetten.

          Herr Kremer, was ist das Besondere der Perglanzfarben?

          Anita Albus und ich kennen uns seit 1977. Bei technischen Problemen habe ich seitdem zu deren Verringerung beitragen können. Und Schmetterlinge lassen sich mit Pigmenten eben nur sehr eingeschränkt darstellen.

          Warum?

          Weil die Chitin-Schichten der Oberflächen, wie bei vielen Insekten, ihre Farbigkeit durch die Struktur der Farbe erhalten. Nicht durch deren Substanz. Wenn Sie so wollen, ist Perlglanz die Gegenfarbe zu Elfenbeinschwarz.

          Was macht es zur Gegenfarbe?

          Sie sind zwei Extreme unter den Farben: Die eine absorbiert das Licht maximal, die andere reflektiert es so, dass ein Maximum von Licht zurückgeworfen wird. Perlglanzfarben haben eine optimal ebene Fläche. Glanz hängt von Glätte ab, Mattigkeit von Rauheit. Der ultimative raue Ort für Licht ist Elfenbeinschwarz.

          Entschuldigen Sie, aber müsste Elfenbeinschwarz nicht verboten sein, wegen des Artenschutzes?

          Wir verarbeiten ausschließlich alte Reststücke, die übriggeblieben sind und nicht mehr zu Schmuck verarbeitet werden konnten. Die habe ich vor langer Zeit gekauft. Dafür habe ich natürlich vorher eine Genehmigung des Regierungspräsidiums eingeholt.

          Hinter den Bildern gibt es das Universum der Farben zu entdecken. Insofern ist die Ausstellung in Kiel wie ein Zauberschrank, an dessen Rückseite sich eine Tür befindet, die vom Makrokosmos zum Mikrokosmos führt. Von der Natur zur Malerei, zu ihren Effekten, den Pigmenten, Kristallen, und wieder zurück. Die Direktorin der Kunsthalle zu Kiel, Anette Hüsch, nennt dieses Phänomen in ihrem Katalogtext die „kleine, große, robuste wie schöne und komplexe Welt der Anita Albus“. Wer diese in Kiel betritt, für den ist die eigene Welt größer geworden.

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