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Malerei von Anita Albus : Wie man die Lichtfalle malt

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Das Innerste der Farben

Hier aber, im Gemälde, bemerkt man das Wunder und fragt sich, wie es um alles in der Welt dargestellt werden konnte. „Aquarell“ steht auf dem Wandschildchen, und den Rest muss ein Anruf bei Anita Albus in München klären. Unter den Gegenwartskünstlern gibt es kaum jemanden, der so wie sie die Farben bis ins Innerste kennt.

 Frau Albus, wie kann Schwarz so unendlich schwarz sein?

Das liegt am Pigment, ein ganz seltenes, es ist Elfenbeinschwarz.

Elfenbein ist doch weiß?

Ja, bevor es verkohlt. Elfenbein besteht aus Kalziumapatit. Die einzelnen Kristalle sind durch Proteine verbunden, die, wenn sie verbrannt werden, winzige Löcher hinterlassen. Das einfallende Licht wird darin im Zickzack hin- und hergeworfen. Man nennt das „Lichtfalle“.

Was lässt in der Natur den Schmetterlingsflügel schillern?

Das ist eine sehr komplexe Architektur. Jedes Schüppchen ist der abgeflachte hohle Spross einer einzelnen Zelle der Flügelmembran, die auf jedem Quadratmillimeter zweihundert bis sechshundert dieser Hohlgebilde aufweisen kann.

Bringt Sie das als Malerin nicht zur Verzweiflung?

Man wird an die Grenze des Menschenmöglichen getrieben. Die Künstlerin Maria Sibylla Merian schrieb über den Blauen Morphofalter, dass er „unbeschreiblich schön“ sei, und: „Seine Schönheit ist mit keinem Pinsel wiederzugeben.“

Damit ist Anita Albus gelungen, woran Merian scheiterte, auch wenn in Kiel kein Morphofalter schillert, sondern ein Schmetterling aus Palawan.

Am Telefon erzählt Albus noch, wie sie Pinsel bei Kremer Pigmente in Aichstetten bestellte, einem Unternehmen im Allgäu, das berühmt für seine Naturpigmente ist und Museen weltweit beliefert, darunter den Louvre. Als die Pinsel in München eintrafen, lag dem Paket ein Kästchen bei, ein Geschenk von Georg Kremer, dem Firmengründer. Darin: Perlglanzfarben für das Schmetterlingsprojekt. Noch ein letzter Anruf, dieses Mal in Aichstetten.

Herr Kremer, was ist das Besondere der Perglanzfarben?

Anita Albus und ich kennen uns seit 1977. Bei technischen Problemen habe ich seitdem zu deren Verringerung beitragen können. Und Schmetterlinge lassen sich mit Pigmenten eben nur sehr eingeschränkt darstellen.

Warum?

Weil die Chitin-Schichten der Oberflächen, wie bei vielen Insekten, ihre Farbigkeit durch die Struktur der Farbe erhalten. Nicht durch deren Substanz. Wenn Sie so wollen, ist Perlglanz die Gegenfarbe zu Elfenbeinschwarz.

Was macht es zur Gegenfarbe?

Sie sind zwei Extreme unter den Farben: Die eine absorbiert das Licht maximal, die andere reflektiert es so, dass ein Maximum von Licht zurückgeworfen wird. Perlglanzfarben haben eine optimal ebene Fläche. Glanz hängt von Glätte ab, Mattigkeit von Rauheit. Der ultimative raue Ort für Licht ist Elfenbeinschwarz.

Entschuldigen Sie, aber müsste Elfenbeinschwarz nicht verboten sein, wegen des Artenschutzes?

Wir verarbeiten ausschließlich alte Reststücke, die übriggeblieben sind und nicht mehr zu Schmuck verarbeitet werden konnten. Die habe ich vor langer Zeit gekauft. Dafür habe ich natürlich vorher eine Genehmigung des Regierungspräsidiums eingeholt.

Hinter den Bildern gibt es das Universum der Farben zu entdecken. Insofern ist die Ausstellung in Kiel wie ein Zauberschrank, an dessen Rückseite sich eine Tür befindet, die vom Makrokosmos zum Mikrokosmos führt. Von der Natur zur Malerei, zu ihren Effekten, den Pigmenten, Kristallen, und wieder zurück. Die Direktorin der Kunsthalle zu Kiel, Anette Hüsch, nennt dieses Phänomen in ihrem Katalogtext die „kleine, große, robuste wie schöne und komplexe Welt der Anita Albus“. Wer diese in Kiel betritt, für den ist die eigene Welt größer geworden.

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