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Kentridge im Liebieghaus : Die Kontinuität der Automaten

Mit Nähmaschine und Kaffeekanne durch die Menschheitsgeschichte: Der Künstler William Kentridge zieht im Frankfurter Liebieghaus eine grandiose Lebensbilanz.

          Wer den Documenta-Teilnehmer William Kentridge als künstlerisch überzeugenden wie auch politischen Kopf schätzt, kommt an einer gestern eröffneten Frankfurter Ausstellung nicht vorbei. Achtzig Eingriffe, Installationen und Interaktionen in den über zwanzig Sälen des Liebieghauses erweitern die sonst vom Alten Ägypten bis zum Historismus reichende Skulpturensammlung in die Gegenwart mit teils eigens für das Projekt geschaffenen Filmen und regelrechten Geschichtsopern auf Miniaturbühnen, kinetischen Skulpturen und Zeichnungen von Kentridge, inszeniert von der Bühnenbildnerin Sabine Theunissen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Ähnlich wie vor Jahren Jeff Koons drückt damit abermals ein Künstler dem gesamten Liebieghaus seinen Stempel auf, nur dass mit dem intellektuell funkelnden Südafrikaner Kentridge eine wesentlich facettenreichere Biographie die ehemalige Fabrikantenvilla prägt. Der eigentliche Coup der jahrelang vorbereiteten Schau aber ist, dass sich mit einem Schlag nun die gesamte historische Sammlung des Hauses in ein Museum für zeitgenössische Kunst verwandelt hat, weil die alten Objekte gerade durch die Kontrastierung mit den aktuellen Werken auf intelligente Weise zum Sprechen über Zeitloses gebracht werden.

          Ein derartiges Verkuppeln von Alt und Neu kann leicht in einem Fiasko enden, wenn die alten Exponate als Kunstwerke vernachlässigt werden und nur noch als Beleg für Ideen dienen. In Frankfurt aber gelingt es, bis auf zwei Säle, in denen die Verbindung der mittelalterlichen Skulpturen zu den hinzugesellten Urenkeln von Kentridge allzu lose erscheint, bestens.

          Bereits mit dem Titel der Ausstellung „O Sentimental Machine“ bestimmt der Künstler die Ambiguität und das Paradox zum Leitmotiv dieses Gangs durch fünftausend Jahre Menschheitsgeschichte entlang ihrer Skulpturen: Wenn eine Maschine wirklich „empfindsam“ ist, wie das englische „sentimental“ seit Laurence Sternes ähnlich wie Kentridge durch die Epochen schweifendem Roman „A Sentimental Journey“ meist übersetzt wird, dann muss sie belebt sein.

          Das gilt für sämtliche kinetische Skulpturen von Kentridge in der Ausstellung wie etwa seine inzwischen emblematische Espressokanne, die mit geöffnetem Deckel und schräg in den Nacken gelegtem Oberteil trotz ihres Silberglanzes überraschend kopfähnlich wirkt. Der Unterkörper allerdings ist mit seinem offenliegenden Innenleben aus Zahnrädern und Gestängen vollständig technoid wie ein Roboter und fährt auf Schienen hin und her. Eine Dada-Kombination, gepaart mit dem technischen Verstand eines Jean Tinguely. Und tatsächlich bestätigt Kentridge diese Beeinflussung durch surrealistische Skulpturen im Gespräch über die Ausstellung unumwunden.

          Überraschender hingegen erscheint sein Hinweis darauf, wie nahtlos das Thema der Automata – im weitesten Sinne selbstbewegte Skulptur-Maschinen wie spätgotische Gliederpuppen mit internem Zahnradantrieb oder Skulpturen mit beweglichen Gliedmaßen – sich durch die Jahrtausende und durch den Bestand des Liebieghauses zieht. Der eindrücklichste Raum ist dann auch der große Rom-Saal mit seinen Statuen, um dessen Wände sich Kentridges auf der Documenta 13 gezeigte Scherenschnittfilm-Prozession mit dionysischem Getöse zieht.

          In der Mitte dieser platonischen Höhle schnauft und stampft wie in Hauptmanns „Weber“ der hölzerne „Elephant“ wie ein Webstuhl als älteste Maschinen-Skulptur der Menschheit. Und so traf es sich, dass auch das aktuelle Forschungsprojekt von Vinzenz Brinkmann, neben Kristin Schrader einer der beiden Kuratoren der Ausstellung, die Kontinuität der Automaten in der Kunst spätestens seit der griechischen Antike des genialen Maschinenbauers Heron von Alexandria aufzeigen will: Kinematographische Abläufe und ruckelnde Bewegungen, Motive, die Kentridge seit je faszinieren und die er in all seinen Filmen und Skulpturen, aber eben auch in seinen Zeichnungen umsetzt, finden sich ebenfalls schon früh bei Reliefs und Skulpturen, die üblicherweise als Inbegriff des Statischen gelten.

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