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Keith-Haring-Schau in Essen : Was es an Freiraum gab, das füllte er

Ein Künstler in permanenter Bewegung: Keith Haring wird als kommerziell verfemt, aber eine quicklebendige Retrospektive im Essener Museum Folkwang zeigt ihn neu.

          3 Min.

          Hier ist alles in Bewegung, nicht zuletzt der Besucher selbst. In der Ausstellung offeriert eine Art Agora ein halbes Dutzend Wege in einzelne Abteilungen, eine dramaturgische Hierarchie gibt es nicht. Man muss sich seinen eigenen Zugang zu Keith Haring suchen, und alte Klischees taugen dazu nicht mehr. Dabei hat uns doch gleich zu Beginn noch ein vier Meter hohes Diptychon mit zwei haringtypischen Figuren in Kämpferposen empfangen – einmal mehr jene gesichtslosen Unisex-Gestalten, mit denen der 1958 geborene Amerikaner die Piktogrammatik des zwanzigsten Jahrhunderts um scheinbar schlichteste Formen bereichert hat, tauglich für die ganze Welt und entsprechend gut zu vermarkten. Die Omnipräsenz seiner Kunst machte Haring verdächtig. Dreißig Jahre nach seinem Tod wird er nun vom Vorwurf der Beliebigkeit freigesprochen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die vor einem Jahr von der Tate Liverpool konzipierte Retrospektive, die jetzt im Museum Folkwang gezeigt wird, weist eine nie geahnte Stringenz des Schaffens aus. Am Beginn stand ein gerade Zwanzigjähriger, der aus der Provinz in eine brodelnde Metropole kam, die ihm nicht nur kreative Freiräume bot, sondern auch sexuelle. Was für eine Befreiung das New York der späten siebziger Jahre mit seiner Schwulenszene für Haring gewesen ist, wird nirgendwo so deutlich wie im kurzen Video „Tribute to Gloria Vanderbilt“ von 1980: Haring tanzt im Glitzerfummel zu hämmernden Club-Rhythmen unmittelbar vor der Kamera. Seine Freude an der Bewegung lässt kaum zu, dass man sich vom Bildschirm löst: Da ist ein Künstler mit allem, was ihn umgibt, im Reinen. Wenn es etwas gab, das ihn ausmachte, dann Horror vacui: vor jeder Freifläche, die er bemalen konnte, und bei der Aufholjagd nach den verlorenen Jugendjahren.

          Am Anfang mehr Performancekünstler

          Haring beginnt als ein Performancekünstler, der an Fluxus und Pop-Art anknüpft. 1979 stellt er eine Kamera im Atelier auf und malt sich binnen zehn Minuten selbst in die Ecke, indem er den ganzen Boden in Windeseile lückenlos mit jenen Formen und Symbolen bedeckt, aus denen er später seine Markenzeichensprache machen wird: tachistische Wimmelbilder scheinbar, doch Haring folgte bei aller Spontaneität der Malerei dem ganz genauen Plan seiner Performance. Er brauchte Rahmen für seine künstlerische Tätigkeit, die sich aber nicht auf die Grenzen einer Leinwand beschränkten. Seine Rahmen waren Laufzeiten von Videobändern, Wand- und Deckenflächen in Galerien. Oder das System der New Yorker U-Bahn.

          Dort fand er Leerräume auf unvermieteten und deshalb schwarz überklebten Plakatflächen: Haring füllte sie mit Kreidezeichnungen und brachte damit Street Art in den Untergrund. Kommerziell verwertbar war das nicht, aber die Bilder wurden so lange von Fahrgästen gesehen, bis sie von Werbung verdrängt wurden – oder von Kunstliebhabern abgelöst, nachdem Haring berühmt geworden war. 1985 stellte er die subway drawings wieder ein.

          Den Anspruch größtmöglicher Teilhabe an Kunst verwirklichte er danach mit seinem „Pop Shop“, in dem er für kleines Geld bedruckte Objekte verkaufen ließ. Vor der Eröffnung ließ er sich in einer Nische fotografieren, die als einzige Fläche im Raum nicht mit seinen Zeichnungen bedeckt war. Wieder die Idee des In-die-Ecke-Malens – in Essen wird die Kontinuität eines künstlerischen Selbstverständnisses sichtbar, das sich noch in den merkantilsten Ausformungen artikuliert. Haring wollte die Welt ästhetisieren, nicht nur die Wohnzimmer wohlhabender Sammler.

          Das Erbe des Aktivisten

          Und er wollte die Welt politisieren: Im Kampf für Gleichstellung von Homosexuellen und Schwarzen, gegen Atomwaffen und Apartheid betätigte Haring sich als Aktivist. Zugleich wurde er zum Fixpunkt des dekadenten Überschwangs, der die New Yorker Clubszene vor dem Einbruch der Aids-Epidemie ausmachte. Das bekommt man in Essen nicht nur in zeitgenössischen Aufnahmen vorgeführt, die der Fotograf Tseng Kwong Chi als Chronist von Harings Aufstieg anfertigte, sondern auch im zentralen Kabinett der Schau, das als ein Schwarzlichtraum konzipiert ist, wie Haring ihn in seinen ersten Galerieausstellungen einrichtete: ausgestattet mit neonfarbenen Gemälden, die unter UV-Licht die Tönung wechseln, und beschallt durch jene Tanzmusik, von der Haring sich bei seinen Straßenmalaktionen mittels eines Gettoblasters begleiten ließ. Den performativen Aspekt hat er nie aufgegeben.

          Und so schallt in der quicklebendigen Ausstellung aus allen Ecken Musik, und man kann dem Geflimmer der Bildschirme und Projektionen nicht entkommen. Das soll man auch nicht, denn Keith Haring war ein Künstler in permanenter Bewegung, gerade im Bemühen, seiner 1988 diagnostizierten Aids-Erkrankung noch möglichst viel Lebenslust abzutrotzen. In den letzten Bildern wird aber auch Verzweiflung sichtbar. Haring überlebte viele enge Freunde und wurde doch nur 31 Jahre alt. Wer sich davon nicht bewegen lässt, hat im Essener Bewegungskunststück eh nichts verloren.

          Keith Haring. Im Museum Folkwang, Essen; bis zum 29. November. Der erfreulich handliche, trotzdem text- und bilderreiche Katalog (erschienen bei Hatje-Cantz) kostet 19,95 Euro.

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