https://www.faz.net/-gqz-87lzj

Keine Raubkunst? : Provenienzforscher in Schweinfurt gesucht

  • -Aktualisiert am

Das Museum Schäfer in Schweinfurt gerät in Erklärungsnot: Es wird mit öffentlichen Geldern unterstützt, fühlt sich aber nicht an die Washingtoner Erklärung zur Raubkunst gebunden.

          2 Min.

          Die Zugfahrt von Frankfurt ins bayerische Schweinfurt braucht etwa anderthalb Stunden. Gemessen an dem, was Besucher dort erwartet, müsste sie eigentlich sechzig Jahre dauern. Ebenso lange nämlich wie eine Zeitreise in die Nachkriegsvergangenheit, als die Welt noch in Ordnung war - wenigstens aus Sicht der Stiftung „Sammlung-Dr.-Georg-Schäfer“. Diese lud zusammen mit dem CSU-Oberbürgermeister Sebastian Remelé am gestrigen Dienstag zu einer Pressekonferenz. Anlass war die Berufung eines neuen Leiters für das Museum Georg Schäfer, des 1960 geborenen Kunsthistorikers Wolf Eiermann, der zuvor dem Archiv Oskar Schlemmer an der Staatsgalerie Stuttgart vorstand. „Provenienzrecherche“ lautet ein Stichpunkt seiner Vorstellung, in der das Wort „Raubkunst“ jedoch nicht fiel.

          Warum sollte im schönen Museum Georg Schäfer, in seinem strahlenden modernen Neubau aus dem Jahr 2000, über Raubkunst gesprochen werden? Aus Sicht der Stiftung gibt es dazu keinen Anlass. „Dr. Georg Schäfer“, heißt es auf Nachfrage, „hat keine Werke geraubt, sondern gekauft.“ Das darf man sich im Einzelfall so vorstellen: Georg Schäfer, ein Kugellager-Fabrikant aus Schweinfurt, der 1975 starb und auch noch in der Nachkriegszeit ein beträchtliches Vermögen besaß, erwarb nach dem Krieg eine große Gemäldesammlung, vornehmlich deutsche Malerei des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Zahlreiche Werke stammen aus den Beständen des Auktionators Adolf Weinmüller, eines der größten NS-Versteigerer, dessen Karriere erst nach 1933 in Fahrt kam und auch in der Nachkriegszeit nicht ins Stocken geriet.

          Private Stiftung, öffentlich gefördert

          Aus einer anderen Quelle kaufte Schäfer nach 1955 das geraubte Bildnis „Martha Liebermann im Lehnstuhl“, gemalt von Max Liebermann 1930. Das Porträt trägt den Nachlassstempel des Künstlers, der bei seinem Tod 1935 die hochkarätige Sammlung seiner Frau Martha vermachte. Im März 1942 vergiftete sich die Fünfundachtzigjährige, als sie ins Konzentrationslager abtransportiert werden sollte. Die Gestapo versiegelte die Berliner Wohnung und beschlagnahmte die Sammlung.

          Könnte es einen deutlicheren Fall von NS-Raubkunst geben? Wie ihn die Washingtoner Erklärung von 1998 definiert, die alle unterzeichnenden Länder, darunter Deutschland, verpflichtet, mit den Erben eine „faire und gerechte Lösung“ zu finden? Eben an diese Washingtoner Erklärung fühlt sich die Stiftung nicht gebunden; sie gelte für öffentliche Institutionen, man sei jedoch eine private Stiftung. Zudem seien die Erben Liebermanns für den Verlust des Gemäldes entschädigt worden. Dieser Darstellung widerspricht der Anwalt der Erben: Es sei keine konkrete Entschädigung erfolgt, sondern nur eine pauschale Zahlung im Jahr 1962 von 170 075 Mark als „Schadenersatz für die der Frau Martha Liebermann entzogenen Gemälde und Kunstgegenstände“. Vorausgegangen sei die Mitteilung der Behörde, dass alle Recherchen nach den verlorenen und geraubten Gegenständen ergebnislos verlaufen seien. Tatsächlich aber befand sich zum Beispiel Marthas Porträt damals bereits in Schweinfurt.

          Das ist 2015 der Stand in Schweinfurt: „Großzügig“ sei Georg Schäfer gewesen, so der Tenor dort, als er Teile seiner Sammlung in die Stiftung übergab. Für das Jahr 2016 suche die Institution einen Provenienzforscher, heißt es trotzdem. Wozu aber jetzt? Und wie sieht es mit Folgendem aus: Großzügig hat sich der bayerische Staat verhalten, als er den Bau des Museums finanzierte. Großzügig ist auch die Stadt Schweinfurt, aus deren Mitteln die laufenden Kosten des Hauses bestritten werden. Diese dauerhafte Unterstützung aus Steuergeldern kann nur einer Sammlung zukommen, die sich als öffentliche versteht.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Ganz er selbst, auch schon in jungen Jahren

          Neun Erzählungen Prousts : Ganz er selbst, auch schon in jungen Jahren

          Ein Band bislang unveröffentlichter früher Texte zeigt, wie Marcel Proust denkt und sortiert, aussortiert, anders justiert – noch ohne konkretes Ziel. Von den allermeisten dieser Erzählungen war nicht einmal die Existenz bekannt.

          Topmeldungen

          Brexit-Deal : Kein Tag der Entscheidung

          Auch Boris Johnson ist nicht immun gegen das, was seiner Vorgängerin Theresa May widerfahren war. Mehr als drei Jahre nach dem Referendum liegt der Austritt des Vereinigten Königreichs weiter im Nebel. Vielleicht kann das bei einem Thema von dieser Bedeutung nicht anders sein.
          Ohne Worte: Die Bayern um Manuel Neuer sind enttäuscht.

          Wildes Spiel in Augsburg : Später Bayern-Schock nach Lewandowski-Rekord

          In der Anfangsphase gibt es für den FC Bayern gleich zwei schlechte Nachrichten: Ein früher Rückstand und ein wohl langer Ausfall von Niklas Süle. Danach sieht es auch dank Lewandowski lange gut aus, ehe in der Nachspielzeit alles noch schlimmer kommt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.