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Keine Raubkunst? : Provenienzforscher in Schweinfurt gesucht

  • -Aktualisiert am

Das Museum Schäfer in Schweinfurt gerät in Erklärungsnot: Es wird mit öffentlichen Geldern unterstützt, fühlt sich aber nicht an die Washingtoner Erklärung zur Raubkunst gebunden.

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          Die Zugfahrt von Frankfurt ins bayerische Schweinfurt braucht etwa anderthalb Stunden. Gemessen an dem, was Besucher dort erwartet, müsste sie eigentlich sechzig Jahre dauern. Ebenso lange nämlich wie eine Zeitreise in die Nachkriegsvergangenheit, als die Welt noch in Ordnung war - wenigstens aus Sicht der Stiftung „Sammlung-Dr.-Georg-Schäfer“. Diese lud zusammen mit dem CSU-Oberbürgermeister Sebastian Remelé am gestrigen Dienstag zu einer Pressekonferenz. Anlass war die Berufung eines neuen Leiters für das Museum Georg Schäfer, des 1960 geborenen Kunsthistorikers Wolf Eiermann, der zuvor dem Archiv Oskar Schlemmer an der Staatsgalerie Stuttgart vorstand. „Provenienzrecherche“ lautet ein Stichpunkt seiner Vorstellung, in der das Wort „Raubkunst“ jedoch nicht fiel.

          Warum sollte im schönen Museum Georg Schäfer, in seinem strahlenden modernen Neubau aus dem Jahr 2000, über Raubkunst gesprochen werden? Aus Sicht der Stiftung gibt es dazu keinen Anlass. „Dr. Georg Schäfer“, heißt es auf Nachfrage, „hat keine Werke geraubt, sondern gekauft.“ Das darf man sich im Einzelfall so vorstellen: Georg Schäfer, ein Kugellager-Fabrikant aus Schweinfurt, der 1975 starb und auch noch in der Nachkriegszeit ein beträchtliches Vermögen besaß, erwarb nach dem Krieg eine große Gemäldesammlung, vornehmlich deutsche Malerei des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Zahlreiche Werke stammen aus den Beständen des Auktionators Adolf Weinmüller, eines der größten NS-Versteigerer, dessen Karriere erst nach 1933 in Fahrt kam und auch in der Nachkriegszeit nicht ins Stocken geriet.

          Private Stiftung, öffentlich gefördert

          Aus einer anderen Quelle kaufte Schäfer nach 1955 das geraubte Bildnis „Martha Liebermann im Lehnstuhl“, gemalt von Max Liebermann 1930. Das Porträt trägt den Nachlassstempel des Künstlers, der bei seinem Tod 1935 die hochkarätige Sammlung seiner Frau Martha vermachte. Im März 1942 vergiftete sich die Fünfundachtzigjährige, als sie ins Konzentrationslager abtransportiert werden sollte. Die Gestapo versiegelte die Berliner Wohnung und beschlagnahmte die Sammlung.

          Könnte es einen deutlicheren Fall von NS-Raubkunst geben? Wie ihn die Washingtoner Erklärung von 1998 definiert, die alle unterzeichnenden Länder, darunter Deutschland, verpflichtet, mit den Erben eine „faire und gerechte Lösung“ zu finden? Eben an diese Washingtoner Erklärung fühlt sich die Stiftung nicht gebunden; sie gelte für öffentliche Institutionen, man sei jedoch eine private Stiftung. Zudem seien die Erben Liebermanns für den Verlust des Gemäldes entschädigt worden. Dieser Darstellung widerspricht der Anwalt der Erben: Es sei keine konkrete Entschädigung erfolgt, sondern nur eine pauschale Zahlung im Jahr 1962 von 170 075 Mark als „Schadenersatz für die der Frau Martha Liebermann entzogenen Gemälde und Kunstgegenstände“. Vorausgegangen sei die Mitteilung der Behörde, dass alle Recherchen nach den verlorenen und geraubten Gegenständen ergebnislos verlaufen seien. Tatsächlich aber befand sich zum Beispiel Marthas Porträt damals bereits in Schweinfurt.

          Das ist 2015 der Stand in Schweinfurt: „Großzügig“ sei Georg Schäfer gewesen, so der Tenor dort, als er Teile seiner Sammlung in die Stiftung übergab. Für das Jahr 2016 suche die Institution einen Provenienzforscher, heißt es trotzdem. Wozu aber jetzt? Und wie sieht es mit Folgendem aus: Großzügig hat sich der bayerische Staat verhalten, als er den Bau des Museums finanzierte. Großzügig ist auch die Stadt Schweinfurt, aus deren Mitteln die laufenden Kosten des Hauses bestritten werden. Diese dauerhafte Unterstützung aus Steuergeldern kann nur einer Sammlung zukommen, die sich als öffentliche versteht.

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