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Katharina Grosse in Düsseldorf : Wo die Besucher im Bild spazieren gehen

  • -Aktualisiert am

In diesem Museum darf man die Kunst anfassen: Die Malerin Katharina Grosse stellt in Düsseldorf aus. Ihre Bilder entspringen nicht nur der eigenen Spraydose, sondern sind auch Produkte des Zufalls und der Zerstörung.

          Es ist Traum vieler Maler, den Betrachter im Bild spazieren zu lassen. Wassily Kandinsky träumte davon, Jackson Pollock tat es, indem er den Betrachter dazu einlud, sich in seinen riesigen Leinwänden zu verlieren, und die Wiener Aktionisten, zumal Günther Brus, verstanden ihre Aktionen als Malerei. Aber noch keinem Maler ist das gelungen, was Katharina Grosse, dieser Malerin mit der Spraydose in der Hand, im Düsseldorfer Museum Kunstpalast gelungen ist: in einer fast achthundert Quadratmeter großen Halle ein begehbares Bild zu inszenieren. Ja, inszenieren, denn es funktioniert tatsächlich wie eine Bühne. Nur werden hier keine Stücke aufgeführt. Die Aufführung bestreiten die Besucher selbst.

          Man betritt einen Raum und bleibt wie angewurzelt stehen, denn man befindet sich plötzlich inmitten eines Geschehens - „Inside the Speaker“ ist der Titel - , dem man sich nicht mehr entziehen kann. Gefaltete weiße Stoffe hängen vor den Wänden und überdecken riesige, auf dem Boden stehende Blöcke; Erdklumpen liegen drum herum. Blöcke, Erde, Erdbrocken, Staub, Stoff, das alles bildet ein Ensemble, das die Farbe eint. Und was für eine Farbe! Die Stoffe, die Blöcke aus Styropor, ja selbst die poröse Erde, sind mit Sprühfarben überzogen.

          Mit Ultramarinblau und mit Grün, mit Zitronengelb und Rot. Mit künstlichen Farben aus der Dose, deren unterkühlte Strahlkraft man eher aus den Unterführungen der Bahnhöfe kennt. Eine Trümmerlandschaft breitet sich vor einem aus, die an Kriegsszenarien erinnern könnte oder auch an die Eisbrocken auf dem berühmten Gemälde „Das Eismeer“ von Caspar David Friedrich, wäre da nur nicht die Farbe!

          Die Zerstörung malt mit

          Die Farbe ist das wichtigste Element in der Kunst von Katharina Grosse, die Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrt. „Ich kann im Denken grenzenlos sein, alles ist möglich“, sagt Grosse, „aber in der Materialisierung gibt es plötzlich Widerstand. Das ist ein Paradox, aus dem eine Reibung entsteht, die elementar ist.“ Wie eine Lawine, wie eine Flut, eine Feuerzunge breitet sich die Farbe aus, und genau das ist es, was das Düsseldorfer begehbare Bild so anziehend macht. Grosse, die 2014 mit dem Oskar-Schlemmer-Preis ausgezeichnet wurde und in der Staatsgalerie Stuttgart zuletzt Werke präsentierte, arbeitet bewusst mit Widersprüchen. Kontrolle, Willkür und Zufall: das begehbare Bild wird durch die Besucher zerstört, auf Schritt und Tritt.

          Es ist auffallend, dass in den letzten Jahren, nach Jahrzehnten der Konzeptkunst, immer mehr Künstlerinnen und Künstler sich verstärkt auf die materielle Beschaffenheit ihrer Werke konzentrieren. Das ist neu und zeugt von einer anderen Sensibilität, durch die die Beschaffenheit der Objekte wieder stärker in den Vordergrund drängt. Diese Sensibilität kommt gleichzeitig auch in einigen neuen philosophischen Tendenzen zum Ausdruck. Wissenschaftssoziologen wie Bruno Latour sprechen vom objektbezogenen Denken, das die Objekte nicht mehr nur im Verhältnis zum Subjekt, zum Betrachter oder Benutzer denkt, sondern das den Gegenständen selbst Autonomie zugesteht.

          Diese Sicht auf die Dinge meint man auch bei Katharina Grosse zu finden, besonders bei ihren zweidimensionalen Bildern, von denen acht auch in Düsseldorf zu sehen sind. Einige von ihnen waren längere Zeit in der Erde eingegraben. Die Malerin hat sie für diese Zeit sich selbst überlassen. Der Zufall, die Zerstörung malt bei Katharina Grosse immer mit. In der aktuellen Schau sind wir es selbst, die Teil des Bildes werden und seine Farbigkeit verändern und prägen.

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