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Zeitgenössische Kunst : Monument der Wandlungen

Aus dem Setzbaukasten: Jerbossyn Meldibekows Transformer in der Phase „Hammer und Sichel“. Bild: Garage Museum of Modern art

Wenn die Geschichte im Kreis verläuft: Der Kasache Jerbossyn Meldibekow veranschaulicht mit seiner vor dem Moskauer Garage-Museum aufgebauten Skulptur „Transformer“, dass Russland immer asiatischer wird.

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          Das Moskauer Garage-Museum für Zeitgenössische Kunst feiert die Wiedereröffnung seiner Ausstellungsräume – mit Abstandsregeln und Maskenpflicht für Besucher – mit einer sich permanent verändernden Skulptur des Kasachen Jerbossyn Meldibekow auf dem weiträumigen Platz vor dem Haupteingang. Die Arbeit namens „Transformer“, die aus zwei Dutzend an vergrößerte Bauklötzchen für Kinder erinnernden Holzteilen zusammengesetzt ist, vergegenwärtigt den aktuellen Kultur- und Machtkampf um Denkmäler aus postsowjetischzentralasiatischer Perspektive. Im Sowjetkommunismus, den manche heute zur Epoche der Stabilität stilisieren, wechselten die Denkmäler tatsächlich sehr oft, erklärt Meldibekow, den wir telefonisch in der kasachischen Kulturhauptstadt Almaty erreichen. Sein „Transformer“, der in anderen Varianten schon in Istanbul und in Baku zu sehen war, veranschaulicht die Transformation des zentralen Amir-Timur-Platzes im usbekischen Taschkent, das, so Meldibekow, sowohl für Menschen der Region als auch für europäische Eroberer immer das „Herz“ Zentralasiens darstellte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auf diesem Platz wurde 1913 ein Monument für den zaristischen Eroberer, den deutschstämmigen General Konstantin von Kaufmann (1818 bis 1882), errichtet. Nach dem Oktoberumsturz folgten sieben Denkmäler, die sich desselben Postaments bedienten beziehungsweise Fragmente davon benutzten: Das für die Kämpfer der Revolution wurde abgelöst von einem Hammer-und-Sichel-Emblem, dann kamen ein „Leuchtturm der Weltrevolution“, Lenin, Stalin, Marx, schließlich das Programm der KPdSU, das 1991, als die Sowjetunion zerfiel und Usbekistan unabhängig wurde, der Reiterstatue Tamerlans weichen musste.

          Denkmal mit eingebautem Verfallsdatum: der Transformer in der Phase „Leuchtturm (der Weltrevolution)“.

          Lange seien Denkmalsideen in der Region von Moskau vorgegeben worden, doch inzwischen werde Russlands politische Kultur den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken immer ähnlicher, findet der Künstler. In den asiatischen „Stan-Ländern“ schreite die Zeit nicht voran, sondern drehe sich im Kreis. Wie Präsident Putin sich in Dmitri Medwedjew und wieder zurückverwandelte, wie er zum Tiefseearchäologen, zum Tigerfreund, zum Kranichretter und nun zum ewigen Herrscher wurde, das, so Meldibekow, mache ihn wahrhaftig zum Helden eines orientalischen Märchens.

          Die Garage, gelegen im prächtig stalinistisch renovierten Gorki-Park, wo in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die ersten Architektur- und Landwirtschaftsschauen der Sowjetunion stattfanden, präsentiert derzeit Textilien des fairen Labels Atelier Edinburgh-Brussels, die die hegemonialen Strukturen der Modeästhetik veranschaulichen, und die Ausstellung sowjetischer Untergrundkunst „Sekretiki“ (Kleine Geheimnisse). Besucher dieser monatelang nur online zugänglichen Schauen passieren draußen den „Transformer“, dessen Gestalt sich an jedem nationalen Feiertag sowohl der postsowjetischen zentralasiatischen Länder als auch Russlands ändert.

          Die erste Phase erinnert mit drei Holzmännchen auf hohem Postament entfernt an die Denkmalgruppe für General von Kaufmann. Am 13.Juli, dem Tag der Staatssicherheit von Kasachstan, ersetzten Meldibekows Assistenten die Figuren durch eine Fahne und widmeten das Werk um zum schematischen Revolutionsdenkmal. Am 20.Juli, dem Tag der Nationalgarde von Kirgisistan, wird es sich ins Hammer-und-Sichel-Emblem verwandeln, später mutiert es zum beflaggten „Leuchtturm“, der dann zum Postament mit schematischer Einzelfigur wird – Lenin, zum Legomännchen geschrumpft –, bevor am 12.August, dem Tag der Mitarbeiter des Strafvollzugs von Kasachstan, wieder die erste Konfiguration dran ist. Der Transformationszyklus rotiert noch bis zum 29.November.

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