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Türkenkriegsschau in Karlsruhe : Europas eigentlicher Schatz

Nach der Befreiung Wiens 1683 ließ die Türkenmode nicht nur das Habsburgerreich Kopf stehen: Eine Europäerin als osmanische Serail-Tänzerin aus der barocken Bildergalerie des steirischen Landschlosses Ptuj, nach dem Vorbild der Kupferstiche des französischen Künstlers Georges de la Chapelle geschaffen, heute im Regionalmuseum Ptuj-Ormož zu sehen. Bild: Pokrajinski muzej Ptuj-Ormož

Kaffee, Döner, Porzellan: Wie man die komplexen Transferprozesse in der Welt anschaulich mit der Kunst erklärt, zeigt die Ausstellung „Kaiser und Sultan“ im Karlsruher Schloss.

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          Zum Beispiel der Kaffee: Fast jeder kennt die Legende, beim Entsatz von Wien 1683 habe man unter den in rasender Hast zurückgelassenen Schätzen der Türken auch einige Säcke mit Kaffeebohnen gefunden, die man zunächst für Kamelfutter hielt. Allein Georg Franz Kolschitzky als Späher für die Österreicher habe die Bohnen sofort als schwarzes Gold erkannt und mit der Beute das erste Kaffeehaus Europas in Wien eröffnet.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Abgesehen davon, dass die Osmanen vor Wien keine Kamele hatten – Kolschitzky eröffnete das Café erst 1685; zwei Jahre nach dem Fund der Bohnen dürfte er mit dem „Türkentrunk“ keine große Begeisterung mehr hervorgerufen haben. Vielmehr war Kaffee in Wien bereits seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt und geschätzt. Es handelt sich somit um eine der vielen legendarischen Ausschmückungen und Verzerrungen, wie sie sich um die Türkenkriege im Kernland Europas zuhauf finden. Hingegen zeigt ein auf den ersten Blick unscheinbarer lederner Faltbecher in der Ausstellung „Kaiser und Sultan“ im Karlsruher Schloss, aus dem das aufputschende Getränk auf Reisen und im Krieg getrunken werden konnte, dass „Coffee to go“ nicht erst eine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Dass mit dem massenhaften Anbau von Kaffee auf den Westindischen Inseln ab dem siebzehnten Jahrhundert allerdings auch der Sklavenhandel und die koloniale Ausbeutung aufblühten, verschweigt die Ausstellung des Badischen Landesmuseums ebenso wenig.

          Karriere des Kaffees: Vom Kamelfutter zum teuren Türkentrunk

          Der Kaffee-Faltbecher und zauberhafte Schälchen für ein weiteres wichtiges türkisches Exportgut, den Tee, wie noch viele andere faszinierend ambivalente Objekte des Kulturtransfers werden nun im Karlsruher Schloss präsentiert. Der Ort scheint nur konsequent gewählt, verbindet doch jeder Süddeutsche mit dieser Stadt die sogenannte Türkenbeute eines der erfolgreichen Feldherrn gegen die Osmanen, Markgraf Ludwig von Baden, genannt „Türkenlouis“. Neben den Dresdner Sammlungen ist sie die größte in Deutschland und feiert nun den hundertsten Geburtstag ihrer musealen Präsentation für die Öffentlichkeit im Schloss.

          Mobiles Paradies zum gepflegten Kaffeetrinken: Das besonders prachtvolle sogenannte „Blaue Zelt“ stammt aus der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts und wurde vom polnischen König Jan Sobieski ergattert, der das Glück hatte, am 12. September 1683 als Erster im übereilt aufgegebenen Lager der Türken vor Wien zu sein. Es befindet sich nach einer wechselvollen Geschichte heute wieder im Krakauer Königsschloss auf dem Wawel und ist eines der Hauptstücke der Ausstellung in Karlsruhe.

          Es handelt sich um eine Art doppelter Raubkunst – viele Stücke waren ja von den Türken selbst geraubt worden –, die aber für eine heute kaum mehr fassbare Türkenmode in Europa sorgte, als visuelle Visitenkarte einer über hundert Jahre lang in den „Türkenkriegen“ blutig bekämpften, als exotisch betrachteten, immer aber auch bewunderten Kultur. Raub- und Tauschkunst als durchaus janusköpfige Angelegenheit also, denn unter den 320 ausgestellten Objekten befinden sich nicht wenige Innovationen in Architektur, Kunst und Mode oder technischen Verfahren, die andernfalls vermutlich nicht oder erst viel später nach Europa gelangt wären.

          Ungarischer Prunkschild mit „türkisierendem“ Tulpen- und Blumendekor aus der in der Ausstellung besonders reich vertretenen Sammlung Esterhazy auf Burg Forchenstein in Eisenstadt, zweite Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts.

          Der Kaffee ist da nur – neben dem neuzeitlichen Döner, der als im Orient altbekanntes Grillschabfleisch seine endgültige Form „im Brot“ erst in Berlin erhalten hat – das Paradebeispiel jenes Teils der Kunstgeschichte, der sich neuerdings „Entangled Art History“ nennt und sich dem verflochtenen Kulturtransfer widmet. Im Grunde aber ist auch das alter Wein in neuen Schläuchen, hat doch eine richtig verstandene Kunstgeschichte immer die Verflechtung der unterschiedlichsten künstlerischen Einflüsse untersucht und betont.

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