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Karin Kneffel in Baden-Baden : Wirklichkeit ist woanders

Karin Kneffel, „ohne Titel“, 2007, 190 mal 150 Zentimeter. Bild: Privatsammlung/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Ihre Werke sind erstaunliche Überbietungen der Wirklichkeit. Die kluge Retrospektive der deutschen Malerin Karin Kneffel in Baden-Baden hat es in sich.

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          Karin Kneffels Gemälde sind grandiose Täuschungen. Es sind Augenspiele, die über die Dinge hingleiten, die unbelebten und die belebten. Sie ist eine Beobachterin, die dem schönen Schein auflauert. Das macht sie sich nicht einfach. Sie wartet wochen- und monatelang auf das Momentum eines Bilds, dann kann sie es malen, und das dauert dann wieder sehr lang; nicht mehr als zehn Bilder schafft sie in einem Jahr. Aber die haben es dann in sich. Rund 140 Werke von Karin Kneffel, der längst international bekannten deutschen Malerin unter den Zeitgenossen, sind jetzt in Baden-Baden im Museum Frieder Burda zu sehen. Es ist eine großzügig und klug gehängte Retrospektive ihres Schaffens aus drei Jahrzehnten. Die Ausstellung schreitet den Weg der Künstlerin ab, die 1957 in Marl im Ruhrgebiet geboren wurde, in Düsseldorf lebt und an der Akademie in München unterrichtet.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Da ist das Obst. Pfirsiche, Äpfel, Traubenbeeren, riesengroß manchmal auf riesigen Leinwandformaten. Wundervoll und prall sind die Früchte, beinah selbstherrlich in ihrer Pracht. Realistisch sind sie in dieser hypertrophen Natürlichkeit nicht, sie sind Überbietungen der Wirklichkeit. Man stellt sich vor, dass ein Vogel, der sich ihnen nähert, um sie anzupicken – wie das von der perfekt nachahmenden Kunst des griechischen Malers Zeuxis in der Antike berichtet wird –, die Dimensionen einer Drohne haben müsste. Aber nicht bloß deshalb muss die Künstlerin nicht dazuschreiben „Dies ist kein Apfel“ – es liegt in ihrer Malerei überhaupt.

          Karin Kneffel „ohne Titel“, 1996, Öl auf Leinwand, 710 mal 240 Zentimeter.

          Karin Kneffel versteht es, die Dreidimensionalität in die Fläche der Leinwand zu hexen. Und sie schafft es zudem, die Zeit als vierte Dimension in ihre Gemälde einzubetten. Während dort, zum Beispiel, ein Dalmatiner mit der Schnauze flach auf einem glatten Boden liegt, erhebt der Hund in seinem – anscheinenden – Spiegelbild den Kopf und schaut zum Betrachter. So ähnlich geht es mit der Szene auf einem Fernsehschirm, die in ihrer über Kopf gespiegelten Wiedergabe schon die nächste – oder noch die vorherige – Kameraeinstellung zeigt. Dabei ist auch nicht mehr klar, wo das Vexierspiel seinen Halt im Raum findet. Karin Kneffel besitzt nämlich einen im Wortsinn phantastischen Witz. Sie fährt dem Realismus samt Surrealismus und Hyperrealismus – auf dieser ganzen Klaviatur spielt sie – gewissermaßen beiläufig in die sorgfältig sortierten Kategorien.

          Das Unheimliche im Vertrauten, wie es der unerwarteten Begegnung mit dem eigenen Selbst im Spiegel eignet, ist einer ihrer bevorzugten Orte. Aber das ist ihr nicht genug, sie macht daraus aufreizende Reflexionen auf die Historie, nicht nur die der Kunst. Auf einem Bild von 2007 ist, im Vordergrund angeschnitten, ein knallbunt geblümter Sessel zu sehen, vielleicht aus den Sechzigern oder Siebzigern, vor einem zugezogenen Vorhang, der sich in Gelb-Orange-Rot-Tönen wellt wie eine Komposition aus der Abstraktion, die in der Malerei so lange dominierend war.

          Ganz anders hebelt sie drei Jahre später die Trennung zwischen komplexem Bildraum und Gegenwart aus, wenn sie Velázquez’ berühmte „Las Meninas“ buchstäblich auflöst und deren Personal mit den Betrachtern im Prado-Museum verschmelzen lässt. Dieses Szenario überzieht sie mit einer Art Sfumato, das durch eine imaginäre Glaswand davor entsteht, auf der ein wie mit der Fingerspitze hingewischter Smiley grinst. Seht her, heißt das, wo stehen wir denn, wo steht ihr denn? Dass Kneffels technische Versiertheit, keineswegs nur auf diesem Gemälde, fast spielerisch das Prinzip der „Fleckenmalerei“ von Velázquez aufgreift, die Nah- und Fernsicht in stofflicher Auflösung und Zusammenfügung vereint, ist kein Zufall.

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