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Karikaturist Walter Hanel : Charlie Hebdo hat gar nichts geändert

Generationen von Lesern sind mit seinen Karikaturen aufgewachsen: Ein Besuch bei Walter Hanel, der unser Bild von Politikern wie Strauß und Kohl geprägt hat.

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          Was ihn zum Karikaturisten gemacht hat? Der Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945. Walter Hanel erlebte ihn mit, er war als fünfzehnjähriger Internatsschüler aus dem nicht weit entfernten Altenberg in die sächsische Hauptstadt geschickt worden, um den dort eintreffenden Flüchtlingen zu helfen. „Nicht der eigentliche Angriff war das Schlimmste für mich, sondern der Tag danach, die zerstörte Stadt, die zahllosen Toten überall. Hätte ich das nicht gesehen, würde ich heute Blümchen malen“ – und Deutschland hätte seinen ältesten aktiven Karikaturisten nicht mehr.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          An diesem Montag wird Hanel 85 Jahre alt, und immer noch geht er dreimal wöchentlich ins Gebäude des „Kölner Stadtanzeigers“, um dort jeweils eine tagesaktuelle Karikatur anzufertigen. Beim Frühstück und im weiteren Verlauf des Vormittags studiert er die Nachrichtenlage, dann macht er noch zu Hause in Bergisch Gladbach Skizzen zu möglichen Motiven, fährt dann nach Köln und berät sich mit der Redaktion, welches Thema er aufnehmen soll. Schließlich packt er aus einem kleinen schwarzen Koffer sein Handwerkszeug aus und zeichnet. Unverwechselbar. Seit 1971 ist er für den „Stadtanzeiger“ tätig, zwischen 1981 und 2000 war er es auch regelmäßig für diese Zeitung. Ganze Generationen von Lesern sind mit seinen Karikaturen aufgewachsen. Auch ich selbst. Wenn ich die Namen Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Franz Josef Strauß höre, sehe ich sie nach wie vor so vor mir, wie Hanel sie zeichnete.

          Loriot? Doch kein Karikaturist!

          Trotzdem: „Wie halten wir diese Kunstform lebendig?“ Walter Hanel stellt sich diese Frage, weil überall der Platz für Karikaturen schmilzt – und das Verständnis junger Leser, sofern sie überhaupt noch für Zeitungen zu gewinnen sind, für ihre Relevanz ohnehin. Die Zeiten, in der er allein durch die Zeichnung seinen Kommentar zu aktuellen Ereignissen abgab, sind für ihn Vergangenheit: „Heute braucht es immer einen Text dazu.“ Am Tag, als ich Hanel treffe, ist eine neue Karikatur im „Kölner Stadtanzeiger“ erschienen, natürlich zur Flüchtlingsproblematik. Da steht einer seiner typischen Europa-Stiere, wunderbar geduldige Kreaturen mit stoischem Gesichtsausdruck, auch sie jahrzehntelang vertraut, darauf sitzt ein ersichtlich furchtsamer deutscher Michel, zu dem über eine Leiter zahllose kleine Menschen hochklettern, und am Hinterteil des Tiers steht John Bull und versteckt sich. Auf dem Stier steht „Europa“, John Bull trägt einen Zylinderhut mit Union-Jack-Muster, und sein Mantel trägt die Aufschrift „G.B.“. Vor ihm verkündet ein Schild „No“. Klarer kann man es, sollte man es wohl auch kaum noch machen. Und doch musste noch eine Erläuterung darunter stehen: „Englisches Versteckspiel – die nächste EU-Krise kommt“ – da leidet man als Karikaturenfreund.

          Denn diese Gattung lebt durch ihren Bild-, nicht durch ihren Wortwitz. Beides kann zusammenkommen, und dann ist es großartig, aber die beste schriftlich ausformulierte Pointe macht aus einer missglückten Zeichnung keine gute Karikatur, während umgekehrt die Qualität einer Zeichnung fehlenden Wortwitz vergessen lässt. Wir gehen ins Schlafzimmer von Hanel, wo sich in den Schränken die jahrgangsweise eingebundenen Sammlungen aller seiner erschienenen Karikaturen stapeln. Wahllos wird der F.A.Z.-Band für 1983 herausgezogen: Die wenigsten Zeichnungen haben Begleittexte, und wenn etwas darunter steht, ergänzt es die Aussage der jeweiligen Zeichnung, aber erläutert sie nicht. Im mangelnden Verständnis für seine Kunstform sieht Hanel die größte Bedrohung, nicht in Attentaten wie dem auf „Charlie Hebdo“ vom vergangenen Januar: „Für mich hat sich seitdem gar nichts verändert.“ Und doch ist es für ihn kein Zufall, dass so etwas just in Frankreich passiert ist: „Dort herrscht ein anderes Verständnis für Karikatur vor. Als ich anfing, in den sechziger Jahren, waren meine Lehrmeister Chaval und Bosc, deren Zeichnungen damals im ,Stern‘ erschienen – man musste ja nichts übersetzen, weil alles wortlos funktionierte. Deutschland hatte dem nichts entgegenzusetzen. Manfred Schmidt oder Loriot – das waren doch keine Karikaturisten!“

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