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New Yorker Kunstmonument : Bei Mammy Sphinx in Brooklyn

Das Kunstspektakel des New Yorker Sommers: Kara Walker hat eine gigantische schwarze Sphinx aus weißem Zucker geschaffen - mit schweren Brüsten und einem enormen Hinterteil.

          Diese Sphinx gibt keine Rätsel auf. Sie stellt keine Fragen, auf die es eindeutige Antworten zu geben hat. Kara Walker, die afroamerikanische Künstlerin, in deren Scherenschnitten die rassistische Geschichte ihres Landes in aktuelle Erfahrung umschlägt, setzt die Sphinx als Assoziationsmaschine ein. Die kolossale Skulptur ist ein Gedankengenerator, der keine versteckten Algorithmen braucht, um sich die Welt in abenteuerlichen Verknüpfungen, Vergleichen und Zusammenstößen zu erschließen. Dabei könnte das massentaugliche Kunstspektakel des New Yorker Sommers von seiner Gestalt her nicht klarer umrissen sein. Walkers Sphinx trägt die Gesichtszüge einer schwarzen Mammy, ihrem Klischeebild derart getreu, dass ihr auch das auf der Stirn geknotete Kopftuch, die schweren Brüste und das enorm gerundete Hinterteil nicht fehlen dürfen. Ihre Hautfarbe ist allerdings weiß, und zwar weiß nicht wie Zucker, sondern aus Zucker.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Auch das lässt sich leicht erklären. Die mit weißem Zucker beschichtete Sphinx aus Styropor hat sich eingenistet in eine Industrieruine am East River, eine mit dem Frachter leicht zu erreichende Fabrik, in der einst das Zuckerrohr aus der Karibik verarbeitet wurde, bis es in raffinierter Form den süßen Bedarf der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung befriedigen konnte. Die Vergangenheit des riesigen Areals der Domino Sugar Factory ist schon gleich beim Betreten zu riechen. Ein süßliches, von Verwesung kündendes Aroma hängt zwischen den verrosteten Stahlsäulen und -wänden, die jetzt in der beginnenden Sommerhitze von sirupdicken, molassebraunen Strähnen überzogen werden. So wie sie schwitzen und duften auch die braunen Knabenskulpturen, die Körbe tragen und Bananenstauden auf ihren Schultern schleppen und sich nun allmählich in dunkle Pfützen auflösen. Nach Nippesfiguren geformt, sind sie gleichsam die hart schuftenden Ministranten, die uns auf die Begegnung mit der Priesterin am Ende der Halle vorbereiten.

          Ein kleiner Besinnungsschock

          Priesterin? Mammy Sphinx ist eine Göttin, halb Mensch und halb Tier, in ihrer elementaren Gegenwärtigkeit ein Naturereignis, jenseits ihrer Dimensionen von 23 Meter Länge, elf Meter Höhe und acht Meter Breite. In der gigantischen Halle stößt sie mit ihren Kopftuchecken fast bis ans Dach, und doch bleibt in der Schwebe, ob sie den Raum zu sprengen droht oder zwischen seinen Rostsäulenreihen wie hinter Gittern liegen muss. Womit die Assoziationerei ihren Lauf nehmen kann.

          Provokation und Heiligsprechung sind die Ansatzpunkte einer Debatte, die im historischen Miasma der Sklaverei auf den Zuckerrohrfeldern beginnt und in einem Amerika, das sich zum Präsidenten einen Mann mit schwarzer Hautfarbe gewählt hat, alle Phantasien und Lügen von einer postrassistischen Reife sogleich der Lächerlichkeit preisgibt. Kara Walkers ägyptisch inspirierte Rassen- und Klassenkampfikone, auch „Marvelous Sugar Baby“ genannt, legt ihre Mammyhände in die noch schwärenden Wunden, die auf den Schlachtfeldern der Geschlechter, der sozialen und ethnischen Utopien geschlagen wurden. Antike Mythologie wird verwoben mit den Greueln des Sklavenhandels und der Knochenarbeit der Zuckerfabrikarbeiter in einem gedanklichen Panorama, das sich bis in die krankhafte Zuckersucht unserer Tage erstreckt. Warum sollte sich der konzeptuelle Ansatz vom skulpturalen Gigantismus einschüchtern lassen.

          „A Subtlety“, wie die Sphinx in Anspielung auf die Zuckerbäckerskulpturen europäischer Aristokratentafeln obendrein heißt, bedient sich also nicht nur subtiler Methoden. Vor der plakativen Beliebigkeit wird sie aber von ihrer unwiderstehlichen körperlichen Präsenz und der Beglaubigung durch die Geschichte ihres Schauplatzes gerettet. Zu verdanken hat Kara Walker ihn „Creative Time“, einer Organisation, die auch an Kunst im öffentlichen Raum durchaus nicht auf die sozialkritische Note verzichten mag. Die verfallende Industriekathedrale wird bald einem Park samt Luxuswohnungen weichen.

          Vom Hipster bis zur hispanischen Großfamilie stehen jetzt erst einmal New Yorker aller Schichten am Wochenende stundenlang an, um das weiße Monument der schwarzen Mammy aus nächster Nähe anzustaunen, bevor die Gentrifizierung am Ufer des East River weiter fortschreitet. Mehr als ein kurzes Innehalten, ein kleiner Besinnungsschock kann dabei nicht herauskommen. Aber immerhin, zumindest das hat die Zuckersphinx bewirkt.

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