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Helen McNicoll: „Im Zelt“, 1914 Bild: Thomas Moore

Impressionismus-Ausstellung : Die Kathedrale des weißen Waldes

In Paris lernten sie den Impressionismus kennen. Zuhause in Kanada schufen die Maler ein nie dagewesenes Bild ihrer Heimat - jetzt ausgestellt in München

          Der Kritiker war besorgt und ließ seine Leser im Mai 1896 an dieser Sorge teilhaben: Dass sich „ein Mann, der solide, vernünftige Arbeit leisten kann, in lilafarbene Bäume und Zäune, leuchtend grünes Gras und ähnliche Abscheulichkeiten verrennt, die die Hauptmerkmale der sogenannten Impressionismusschule bilden“! Der Maler, auf den das gemünzt war, ein Kanadier namens George Agnew Reid, hatte diese irritierenden Momente seiner Kunst offensichtlich aus Paris in sein Heimatland mitgebracht, was den Kritiker nicht milder stimmte. Er jedenfalls, schrieb jener S. Molyneux Jones in der Zeitschrift „Our Monthly“, sei zu verärgert, um seine „Zustimmung zu erklären“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass es mit dem Impressionismus in Kanada auch ohne Jones’ Zustimmung weiterging, ist nicht zuletzt den Bemühungen derjenigen kanadischen Maler zu verdanken, die erkannten, dass sie ihr Publikum mit der Kunstrichtung, die sie in Europa kennengelernt hatten und mit der sie sich nun in der Heimat auseinandersetzten, versöhnen mussten. So stellte etwa der bedeutende Maler und Kunstlehrer William Brymner, der sieben Jahre in Paris gelebt hatte und dann nach Kanada zurückgekehrt war, im März 1896 in einem Vortrag den Impressionismus allgemein und Claude Monet insbesondere vor: „Sind seine leuchtenden Farben nicht genau die unseres so farbenfrohen Landes?“, fragte er listig und wies der künftigen Rezeption in seiner Heimat einen Weg. Indem die impressionistische Behandlung von Licht, Farben und Konturen als besonders geeignet für die kanadischen Verhältnisse eingestuft werden, stellt sich umgekehrt die Aufgabe, den Stil darauf einzustimmen. Aus der Rückschau betrachtet, heißt das: Gibt es einen besonderen kanadischen Impressionismus? Und wie sieht der aus?

          Man erwartete Historienbilder von ihnen

          Dieser Frage widmet sich gegenwärtig eine prächtige Ausstellung in der Kunsthalle München unter dem Titel „In einem neuen Licht.“ Sie versammelt an die hundertzwanzig Gemälde von 36 Künstlern, die zwischen 1882 und 1930 entstanden sind, in Kanada und zu einem erheblichen Teil auch in Europa und Nordafrika.

          Laura Muntz: „Das rosa Kleid“, 1897 Bilderstrecke

          Das betont die Ausstellung, noch bevor sie das erste Bild zeigt: Im Vorraum werden auf zwei gegenüberliegenden Wänden zusammengefügte Schnipsel aus frühen Filmen projiziert: Links Paris in Aufnahmen von 1896 bis 1900, rechts das ländliche Kanada der Jahre 1910 bis 1929, in dem Eisenbahnschwellen in der Wildnis verlegt und Kanus benutzt werden, ergänzt um Szenen aus den wachsenden Städten. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die jungen Maler, die ihren erst 1867 gegründeten Staat im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts verließen, um in Paris Kunst zu studieren. Dort besuchten sie die Akademien, wo man von ihnen unter anderem klassische Historienbilder erwartete, folgten einheimischen und aus allen Richtungen zugereisten Künstlern in die Bretagne, malten Wälder, Weiher und Strände, und wenn das Geld reichte, kamen sie bis nach Venedig oder Nordafrika.

          Seit 2015, mit dem Erscheinen des monumentalen Werks „Impressionism in Canada“ von A. K. Prakash (Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart), lassen sich die Wege zahlreicher Maler dieser Richtung mühelos verfolgen. Einer von ihnen, Maurice Galbraith Cullen, liefert mit seinem Werk einen wesentlichen Beitrag zur Münchner Ausstellung. Geboren 1866 in bescheidenen Verhältnissen auf Neufundland, nutzte er sein mütterliches Erbe für eine Reise nach Paris und malte dort zunächst noch konventionelle Bilder wie eine Winterlandschaft an der Seine mit geschickt zur Konturenverwischung eingesetztem aufsteigenden Dunst, während sich seine späteren Werke immer stärker von den Vorbildern lösen und nach der Rückkehr zu Ikonen der Malerei seines Landes werden.

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