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Albanisiert: Diese im siebten Jahrhundert erbaute Kirche in Nagornyj Karabach verlor bei einer „Restauration“ ihr Reliefkreuz und die armenische Inschrift. Bild: AKG

Nagornyj Karabach : Appelle an finstere Energien

  • -Aktualisiert am

Eine Partnerschaft mit der Türkei ist möglich: Der russische Architekturhistoriker Armen Kasarjan über die Denkmäler in Nagornyj Karabach und aserbaidschanische Geschichtspolitik.

          5 Min.

          Herr Kasarjan, wie stellt sich heute die Situation der armenischen Denkmäler in den Teilen von Nagornyj Karabach dar, die wieder unter die staatliche Kontrolle Aserbaidschans gelangt sind? Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew hat Präsident Putin versichert, die christlichen Denkmäler würden erhalten werden und zugänglich bleiben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Lage dort ist höchst instabil. Die Doktrin der aserbaidschanischen Politik, die auch die Kulturpolitik bestimmt, besagt, die autochthonen Armenier seien ein von außen zugezogenes Volk. Es ist eine pseudowissenschaftliche Lehre, die seit den sechziger Jahren von Zia Buniatov (1923 bis 1997) erdacht und von seinen Schülern weiterentwickelt wurde und die die heutige Regierung Aserbaidschans unterstützt. Sie soll den erst im zwanzigsten Jahrhundert entstandenen Staat Aserbaidschan historisch begründen. Ihre Adepten erklären die mittelalterlichen armenischen Kirchen auf dem Gebiet Aserbaidschans für albanisch. Daher besteht die Gefahr, dass diese Baudenkmäler entweder albanisch „restauriert“, das heißt ihrer armenischen Inschriften beraubt und verunstaltet, oder vernichtet werden.

          Was hat es mit dem christlichen Albanien im Kaukasus auf sich?

          Es ist eine im Mittelalter verschwundene Völkergemeinschaft von vor allem lesgischen Ethnien auf dem Gebiet des heutigen Aserbaidschans. Östlich des Flusses Kura existierte bis zum fünften Jahrhundert das Königreich Aghvank, das griechische und lateinische Quellen Albanien nennen. Es wurde zusammen mit den armenischen Provinzen Arzach und Utik Teil des sassanidischen Persien, bis die Araber Armenien, Albanien und Kartli zum Kalifat Arminia vereinten. Die albanische Kirche war mit der armenischen eng verbunden, sie schloss sich ihr 705 an, und ihr Katholikos zog im vierzehnten Jahrhundert ins Kloster Gandsassar in Arzach, wie Nagornyj Karabach im Mittelalter hieß. Das Katholikosat spielte nur innerhalb der armenischen Kirche eine Rolle und wurde später aufgehoben. Nach Bakus Lesart sind die Erben dieser Kirche die heutigen Aserbaidschaner, die Aserbaidschan-Türkisch sprechen und den Islam praktizieren. Doch im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wurde die Region Arzach von fünf Fürstentümern oder Meliktümern beherrscht – die letzten armenischen Staatsgebilde, die unter persischer Oberherrschaft eine gewisse Autonomie wahren konnten. Die hier errichteten Kirchen und Klöster stellen eine spezifische, regionale Spielart armenischer Architektur dar.

          Armen Kasarjan
          Armen Kasarjan : Bild: privat

          Präsident Alijew hat bei der Militärparade in Baku sogar die armenische Hauptstadt Jerewan als historisch aserbaidschanisches Territorium bezeichnet. Hat das damit zu tun, dass seine Vorfahren aus einem aserischen Dorf auf dem Territorium des heutigen Armeniens stammen?

          Meine Großmutter stammt aus Baku, wo viele Architekten, Politiker, Geschäftsleute armenischer Herkunft waren. Der Armenier Stepan Schaumjan leitete dort 1918 den Rat der Volkskommissare. Aber deswegen erhebt kein Armenier Ansprüche auf Baku. Alijew appelliert an die finsteren Energien seiner Landsleute. Dabei ist er ein glänzend gebildeter Mann, ein Absolvent der Moskauer Diplomatenhochschule, er hat große kulturelle Ambitionen. Seine Frau leitet eine Kulturstiftung. Unterdessen wird die „Albanisierung“ des armenischen Kulturerbes immer weiter getrieben. Aserbaidschanische Wissenschaftler bezeichnen inzwischen – unterstützt von den Machthabern – die gesamte mittelalterliche Architektur der heutigen Republik Armenien als albanisch.

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