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Kalifornische Ideologie : Bleibt hungrig, bleibt tollkühn!

  • -Aktualisiert am

Woher kommt die kalifornische Ideologie - und was ist sie im Kern: links, rechts, stoned? Eine Berliner Ausstellung erzählt die Geschichte.

          5 Min.

          Wenn sich die Welt verändert, dann sieht das von außen oft gar nicht so spannend aus. Im Februar 1966 saß Stewart Brand, ein schlaksiger, blonder Mann von 28 Jahren, auf einem geschotterten Flachdach in San Francisco und hatte sich in eine warme Wolldecke gehüllt. Es war ein ziemlich langweiliger Nachmittag gewesen, also hatte er „eine milde Dosis“ LSD auf der Zunge zergehen lassen, blickte jetzt in die Ferne und machte sich Gedanken, wie man sie sich beim Drogennehmen wohl so macht: „Ich konnte von diesem Dach aus die Krümmung der Erde sehen, ich konnte sie denken und sogar fühlen. Ich dachte daran, dass die Krümmung der Erde eigentlich immer dramatischer aussehen müsste, je höher man sitzt. Und wenn man ein Bild aus dem Orbit machen würde, dachte ich, dann wär’s bestimmt ganz besonders dramatisch.“

          Nur mit so einem Bild, kam Brand zu dem Schluss, könnte man endlich etwas an der Gedankenlosigkeit der Menschen tun, die immer so handelten, als sei die Erde eine Scheibe, an deren Rändern all die Umweltverschmutzung wieder abfließen könnte. „Dabei ist die Erde doch in Wirklichkeit ein Kreislauf“, dachte Brand, „und vor allem ein extrem endlicher. Wenn wir das nicht lernen, dann kriegen wir das mit der Zivilisation nie richtig auf die Reihe.“

          Brand stieg also vom Dach und begann schon am nächsten Morgen Buttons zu drucken, auf denen stand: „Why haven’t we seen a picture of the whole Earth yet?“ - Warum hat uns die Nasa noch nie ein Foto von der ganzen, runden Erde gezeigt? Er schlüpfte in einen weißen Overall, dekorierte sich das Gesicht, wie man das so machte, mit Glitzerschmuck, und begann, die Buttons für 25 Cent zu verkaufen. Kurz darauf trug sie halb San Francisco. Weil um diese Zeit außerdem immer mehr Neuankömmlinge nach San Francisco strömten und so die genervten Erst-Hippies dazu brachten, nach und nach in die überall entstehenden Kommunen zu flüchten, begann Brand zur gleichen Zeit auch, mit ein paar Freunden eine Zeitschrift für Neu-Kommunarden herauszubringen. Und als dann im November 1967 ein Satellit tatsächlich ein Farbfoto einer vollständig ausgeleuchteten, runden Erde schoss, fügte sich alles zusammen. Brand druckte nicht nur das Foto aufs Cover seiner Publikation, sondern nannte sie auch pompöserweise den „Whole Earth Catalog“.

          Was danach geschah, davon berichtet jetzt eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Wie oft, wenn Kuratoren nicht nur zeigen, sondern unbedingt auch erzählen wollen, ist daraus ein regelrechtes Dickicht aus textlastigen Stellwänden, flimmernden Videomonitoren und unlesbar in Vitrinen verwahrten Büchern geworden. Es lohnt sich trotzdem, der Ausstellung einen Nachmittag zu widmen. Das hat mit den überwältigenden Nachwirkungen der Brandschen Schotterdachphilosophie zu tun und damit, dass die Kuratoren Diedrich Diederichsen und Anselm Franke den wahnwitzigen, aber unterhaltsam schwindelerregenden Versuch unternommen haben, die Geschichte samt ihrer Auswirkungen so ganz und so facettenreich wie möglich zu erzählen. „The Whole Earth“ haben sie ihre Ausstellung also genannt. Schon im Titel steckt, dass es mehr als einen Handlungsstrang gibt.

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