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Kairos Nationalmuseum : Ägyptens größte Schätze sind ohne Schutz

  • -Aktualisiert am

Schreckensmeldungen erreichen uns aus der Kulturstadt Kairo: Plünderer wüten in Tutanchamuns Grabschatz. Die Zerstörungen sind möglicherweise kaum mehr zu beheben, die offenbar geraubten Gegenstände für das kulturelle Gedächtnis unersetzlich.

          Was waren wir doch für Narren. Als vor Jahren in Ägypten Anschläge auf „ungläubige“ Touristen verübt wurden, milderte die Vorstellung von extremistischen Ausnahmefällen unser Entsetzen. Wurden Raubgrabungen und Antiquitätenschmuggel gemeldet, trösteten wir uns damit, sie seien Übergangserscheinungen. Und wenn wieder einmal die Nofretete zurückgefordert wurde, erwachte mehr oder weniger stark das schlechte Gewissen angesichts des Kulturimperialismus unserer Urgroßväter. Der Reflex, dass die empfindliche Büste der Pharaonin in Kairo möglicherweise weniger gut aufgehoben und gesichert wäre als in Berlin, wurde nicht oder nur verklausuliert ausgesprochen.

          Egal, wie unsicher die politische Lage in Ägypten war, unser Vertrauen in die Ehrfurcht der ägyptischen Gesellschaft vor den Kunstschätzen Altägyptens war unerschütterlich. Nun stehen wir fassungslos vor der Tatsache, dass am vergangenen Freitag Plünderer in das Nationalmuseum von Kairo eindrangen. Oder die Hüter der Schätze selbst zu Plünderern wurden. Noch ist unklar, wie viel und was gestohlen oder beschädigt wurde. Die einzig verlässlichen Angaben sind momentan die der ehemaligen Direktorin des Nationalmuseums Wafaa el Saddik sowie Blogs des obersten Altertümerverwalters Zahi Hawass und einige Fotografien, die im Internet kursieren.

          <span style="font-family:Tahoma; font-size:8pt; color:black">Bilder des Senders Al Dschazira vom 29. Januar</span></p><p>

          </p><p>Demnach sind in der Abteilung „Altes Reich“ dreizehn Vitrinen aufgebrochen worden, ihr Inhalt wurde zum Teil zerschlagen. Die schlimmsten Schäden trug die Sonderabteilung mit dem Grabschatz des Tutanchamun davon. Zwei vergoldete Statuetten sind zerbrochen, eine ist verschwunden. Auch Schmuckstücke des Pharaos sowie weitere Objekte aus dieser Abteilung sollen entwendet worden sein.</p><p>Die Statuetten sind in mehrfacher Hinsicht unersetzlich: zum einen als Spätblüte des „Amarna“-Stils, jener von Pharao Echnaton initiierten Kunstphase, in der sich das starre Ewigkeitspathos altägyptischer Kunstwerke plötzlich mit einem teils bezaubernden, teils erschreckenden Verismus verband. Auch die Nofretete-Büste ist ein Kunstwerk dieser Ära. Wie sie huldigen die Statuetten des Tutanchamun dem Ideal von Schönheit und Majestät. Sie zeigen den vergöttlichten Pharao auf einem Papyrusboot, auf einem schwarzen Leoparden und als Schreitenden, anmutig, lebensvoll, Momentaufnahmen, die dennoch subtil zur zeitlosen Chiffre erstarrt sind.</p><p>So wertvoll wie als Kunstwerke sind die Statuetten auch als Zeugnisse altägyptischer Kultur, die so viele Rätsel aufgeben, wie sie Erkenntnisse übermitteln. Denn sie können nicht eindeutig dem jungen Pharao zugeordnet werden. Manche Ägyptologen deuten sie als Darstellungen des Echnaton, andere als die seines Nachfolgers Semenchkare, wieder andere, die sich auf die fast weiblichen Brüste und gerundeten Hüften der Figuren beziehen, nennen Nofretete als die eigentlich Dargestellte.</p><p><b>Unersetzliche geistige Werte</b></p><p>Ob um 1330 vor Christus die Gattin des Echnaton oder doch einer der drei Pharaonen als 85,6 Zentimeter hohe Figuren aus mit Gold und Bronze überzogenem Holz die Reise durch das Totenreich und die Wiederauferstehung symbolisierten, kann nun im Fall der Leopardenfigur nicht mehr und bei den anderen nur noch mühevoll nachgeprüft werden. Sie wiederherzustellen dürfte, wenn es überhaupt gelingt, Monate oder Jahre dauern.</p><p>Noch ist die Meldung, es seien Schmuckstücke Tutanchamuns geraubt, nicht eindeutig verifiziert. Aber schon die Vorstellung, ein einziges könnte verschwunden sein, ist schrecklich. Denn auch hierbei geht es nicht nur um materielle und ästhetische, sondern gleichermaßen um unersetzliche geistige Werte – jedes in Laienaugen vielleicht nur extrem dekorative Kleinod des jungen Pharaos ist zugleich ein Kompendium der Kulte und Staatsphilosophien Altägyptens. Bis ins letzte, teilweise noch unerforschte Detail bilden die Skarabäen, Lotosblüten, Fabelwesen und Ornamente die Ordnung der Alten Welt ab.</p><p>Beschädigt wurden auch die berühmten Mumien von Juja und Tuja, den Urgroßeltern des Tutanchamun. Dem Juja wurde, wohl beim hastigen Abtrennen vergoldeter Kartonagen auf seinem Leib, der Kopf abgerissen. Auch Grabbeigaben sollen zerstört sein. Wie der Grabschatz sind sie im ersten Obergeschoss untergebracht, dort, wo die Plünderer kurze Zeit ungestört wüten konnten. Laut Wafaa el Saddik sollen einige der notorisch unterbezahlten Museumswärter unter ihnen gewesen sein.</p><p><b>Es bleibt nur Hoffen</b></p><p>Derzeit ist das Museum von Militär und Bürgerwachen umstellt; aktuelle Gefahr droht ihm vom benachbarten Großbau der NDP, Hosni Mubaraks Partei, der nach einem Brand einstürzen und den Museumsbau beschädigen könnte. Doch was ist mit den zahlreichen Grabungsstätten in Sakkara, Memphis, Luxor, Assuan? Dort hat man die Grabungspolizei abgezogen, und die Archäologen ziehen sich zurück. Damit sind die meist nur provisorisch gesicherten Magazine mit ihren neueren Funden schutzlos. Memphis, sagt Wafaa el Saddik, sei restlos geplündert. In Luxor bekämpfen Anwohner auf eigene Faust Plünderer, die bewaffnet die Lager zu stürmen versuchen.</p><p>Alles steht in Ägypten auf Messers Schneide. Auch für die Altertümer ist entscheidend, ob aus den Protesten Revolution, Reform, Demokratie oder Diktatur wird. Und so sind einstweilen alle Kunstwerke Altägyptens Geiseln einer Masse, von der noch nicht zu sagen ist, ob sie zum Mob oder zu Helden mutiert.</p><p>„Mein Herz ist gebrochen, mein Blut kocht“ schrieb Zahi Hawass, seit gestern Minister für Altertümer, gewohnt vollmundig in seinem Blog. Doch das, wie auch seine Erklärung, „wenn das Museum sicher ist, ist Ägypten sicher“, kann die Hilflosigkeit aller Zuständigen nicht verbergen. Ob in Kairo, den Archäologischen Instituten oder in den Geschäftsstellen der Unesco – all jene, die Verantwortung für das Kulturerbe der Menschheit tragen, ringen so hilflos die Hände, wie damals, als während des Irakkriegs Bagdads Nationalmuseum und die Grabungsstätten von Babylon geplündert wurden, oder als in Afghanistan im März 2001 fanatische Taliban die beiden Buddhas von Bamiyan sprengten. Es bleibt nur Hoffen auf Vernunft, Respekt, Pietät.</p>

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