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Kai Althoff im MoMA : Die eigensinnigste Ausstellung des Jahres

Als das Museum of Modern Art den Kölner Künstler Kai Althoff zu einer Retrospektive einlud, wusste es offenbar nicht, worauf es sich einließ: Die Geschichte eines beispielhaften Kampfes zwischen Individuum und Institution.

          Verdammte Axt, was war das denn gerade? Wie aus einer bizarren Traumwelt tritt man aus dieser Ausstellung zurück in das sortierte Erlebnisparadies des MoMA mit seinen Rolltreppen, Postkartenständern, ordentlich gehängten und mit Schildchen versehenen Werken und weiß nicht, was man ob der Nachbilder des eben Erlebten empfinden soll: Beklemmung? Ekel? Euphorie?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die New Yorker Überblicksschau des aus Köln stammenden Künstlers Kai Althoff mit dem Titel „und dann überlasst mich den Mauerseglern“ ist die wohl eigensinnigste Ausstellung des Jahres. Sie beschränkt sich auf einen einzigen Raum im obersten Stock des New Yorker Museum of Modern Art, es gibt aber weit mehr zu erleben als in vielen anderen Ausstellungen. Zum einen, weil der Künstler die horrende Zahl von fast zweihundert Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen und Installationen untergebracht hat, die sein Schaffen ab einem Alter von sechs Jahren umfassen; und dazu noch viele weitere Gegenstände, die gar nicht als Werke katalogisiert sind, wie Lampen; Töpfereien; selbstgebastelte indonesische Schattenpuppen; delikat herabfallende Gewänder an Mannequins mit elegant angewinkelten Holzfingern. „Zu viele Objekte“, urteilte die „Financial Times“ entsetzt. „Die Gemälde sind vorzüglich, aber die Schau ist ein Scherbenhaufen“, die „New York Times“.

          Es ist, als sei man auf einem Flohmarkt gelandet, in der Garderobe eines Varietétheaters oder auf dem Dachboden der Eltern. Aus im Boden versenkten Lautsprechern erklingen Gitarrenklänge wie lang sich dehnende Silberfäden oder der Atem eines schlafenden Riesen, durch dessen Inneres man wandert, auf einem Podest aus weißen Planken, unter einem großen Zelt aus weißer Gaze.

          Viele der hier gezeigten Dinge weisen eine Informationsdichte auf, dass man sich nach fünfzehn Minuten noch immer in der ersten Ecke aufhält und sich vorkommt, als mache man Inventur in einer Bäckerei und zähle jeden Krümel einzeln.

          Was zur Hölle steckt nicht schon alles in dieser deckenden Bleistiftzeichnung am Eingang, auf der Maschen von zwei Stricknadeln fallen wie Telefonkritzeleien und zu einem Frauengesicht werden, das in sich gekehrt zur Seite blickt? Welchem Schattenreich entstammt der Derwisch, der nebenan zur Seite schwebt, als sei er aus Rauch? Und welchem Bewusstseinszustand entstammt die zitternde Toiletten-Kritzelei darüber: „Ich will an diese Aggnes ran“? Glockenförmig läuft der Rahmen nach unten aus, wo auf einer weiteren Zeichnung Jurten mit langen Beinen spazieren gehen, und das Ganze steht zusammen mit weiteren Bilderrahmen auf einem Transportwagen, als sei es nur vorübergehend hier.

          Man versteht, warum Sammler die Malerei und Zeichenkunst Kai Althoffs lieben. Er malt wunderschöne, schaudern machende Bilder. Sie sind so LSD-haft wuchernd und hochaufgelöst, dass man Angst hat, in sie reinzukippen. Laura Hoptman fand eine schöne Beschreibung dafür: „Du bist der einzige Künstler, der ein Bild gemalt hat, das aussieht, als würde es bluten.“

          Laura Hoptman ist Kuratorin für Malerei und Skulptur am Museum of Modern Art. Sie organisierte die große Retrospektive von Sigmar Polke, dessen psychedelische Gegenwelten bei Althoff widerklingen, nur düsterer, giftiger, durchgeistert von Kirchner, Schiele, Munch. Sie kuratierte die Schau von Isa Genzken, die mit Althoff befreundet ist und mit ihm den Film „Die kleine Bushaltestelle“ veröffentlichte, der aus trunkenen Kindereien in Kostümen besteht und dem Ruhm der Bildhauerin spottet. Man könnte denken, Hoptman sei Expertin für deutsche Gegenwartskunst. Doch als sie Kollegen vor ein paar Jahren von ihrer geplanten Ausstellung mit Gemälden und Zeichnungen Kai Althoffs erzählte, wünschten die ihr nur geheimnisvoll viel Glück.

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