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Kahlo-Retrospektive in Berlin : Frida, eine Frau für Hollywood

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Neben den bekannten ikonischen Selbstbildnissen gibt es im Berliner Gropius-Bau viele persönliche Gegenstände der Künstlerin zu sehen. Die Frida-Kahlo-Retrospektive in Berlin versinkt in Erinnerungsseligkeit, bietet aber auch einige Entdeckungen.

          Die Retrospektive aus hundertvierzig Werken für die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo im Martin-Gropius-Bau zeigt erstmals in Deutschland den dramatischen Reigen ihres Lebens – als sei er ein Hollywoodfilm, zusammengesetzt aus Gemälden und Zeichnungen, Fotografien und Filmaufnahmen. Tatsächlich reihen sich besonders die Kinogänger und Fans der Schauspielerin Salma Hayek, die Kahlo 2002 im Kino verkörperte, in diesen Tagen bereitwillig in die Schlange vor dem Museum ein – und hoffen darauf, Reliquien ihrer Sehnsuchtsfigur zu sehen. Zumindest ihre Erwartungen werden bedient: Frida Kahlos mit Hammer und Sichel bemaltes Gipskorsett von 1950 wird in einer Vitrine gezeigt, wie auch eine ihrer dicken Halsketten, fetischhaft angeleuchtet.

          Ihr letztes Bild von 1954 ist zum ersten Mal ausgestellt: Frida Kahlo hat sich selbst auf dem Gemälde mit Löwen-Sonnen-Mähne in ungewöhnlich unangestrengtem Farbauftrag dargestellt. Zu (fast) jedem Werk gibt es die passende Geschichte im Katalog: „Das lange verschollen geglaubte letzte Ölbild von Frida Kahlo ist von einem Angestellten aus einer Mülltonne gerettet worden.“ Das Drama wird weiter unterfüttert: „So nahm sie ein Messer zur Hand, eins mit gerader, geschmeidiger Klinge, und beugte sich mit durch die nächtlichen Schlafmittel verursachter Langsamkeit, mit Tränen in den Auge und mit einem Anflug von Lachen in den zitternden Mundwinkeln über die Tafel und fing an, die Malerei langsam zu zerkratzen.“

          Grundsätzlich zerrissen

          Bei so viel magisch aufgeblähtem Personenkult beschleicht einen das Gefühl, die Kuratorin Helga Prignitz-Poda vertraue nicht der Kunst, sondern der Biographie. Sie wäre nicht die Erste. Die untrennbare Verknüpfung spiegelt sich auch in der thematische Präsentation: „Frida und ihre Freunde“, „Metamorphosen, Surrealismus, Träume“, „Himmlische und irdische Liebesgeschichten“, „Das Tagebuch 1946 – 1954“, „Abstrakte Gefühle“, „Krankheit und Stillleben für die Ärzte“ und „Wunschbilder, Votivbilder“. Schon dieser Titel-Mischmasch verrät, wo der Weg hinführt.

          Unter der Überschrift „Maskierte Schönheit – Selbstbildnisse“ folgt ein Selbstporträt mit dem so berühmten, fast schablonenhaften Gesicht dem anderen. Die Kuratorin hat sie alle in einem Raum versammelt: Ihre dunklen Augen mit den zusammengewachsenen Brauen verfolgen den Besucher durch die Schau. Eines ihrer ersten Selbstporträts aber fällt aus der Reihe: Die Darstellung ist von ungewohnter Eleganz und Grazie; es entstand 1926, als Kahlo neunzehn Jahre alt war, also ein Jahr nach ihrem schrecklichen Busunfall, bei dem sich eine Stahlstange in ihr Becken bohrte. Das weitere Schicksal ist bekannt: die schwierige Liebe zu Diego Rivera, die Fehlgeburten, die Operationen, die Affären, die grundsätzliche Zerrissenheit. Schließlich sehen wir sie sogar auf ihrem Totenbett, 1954 fotografiert von Lola Alvarez Bravo.

          Emotionale Essenzen

          Oft schon wurde versucht, das Korsett von Frida Kahlos Autobiographie etwas zu lösen. Das Bucerius Kunstforum in Hamburg machte es vor vier Jahren vor, indem das Museum die Künstlerin überzeugend in den Kontext der europäischen Avantgarde einbettete. Die Ausstellung wollte die Legendenbildung um die schöne, ans Bett gefesselte Autodidaktin etwas entlüften.

          Die Berliner Schau wirbt jetzt mit Quantität, eine so hohe Anzahl an Bildern sei noch nie in Deutschland ausgestellt gewesen. Zum großen Teil erstmals zu sehen sind die neunzig Zeichnungen: Sie sind noch direkter, weil sie spontaner entstanden sind. Ein auffälliges Blatt unter ihnen ist die Zeichnung ihres Neffen Antonio Kahlo, die ihre Fähigkeit aufscheinen lässt, Zerbrechlichkeit, Sentiment auszudrücken, emotionale Essenzen festzuhalten. Der Junge stützt neugierig seinen Kopf auf und schaut großäugig aus dem Bild. Lohnenswert ist auch der umfangreiche fotografische Teil der Schau. Er stammt unter anderem aus dem Besitz der Familie und wird von Frida Kahlos Großnichte, der Fotografin Cristina Kahlo, betreut.

          Der kunsthistorische Horizont verengt sich

          Trotz der einzelnen Höhepunkte wirft die Ausstellung die Auseinandersetzung mit dem Œuvre von Frida Kahlo inhaltlich zurück: Die Gemälde werden in der gewählten Form als Memorabilia gezeigt. Sogar die politische Kraft auf dem Gemälde „Pancho Villa und Adelita“ aus der Zeit um 1927 wird explizit auf Kahlos Selbstreflexivität reduziert, wenn es heißt: „Denn nicht Adelita, die im mexikanischen Volkslied besungene Soldatenbraut, steht im Zentrum des Bildes, sondern Frida Kahlo.“ Es wird vorgeschlagen, das Bild umzubenennen. Nicht einmal dieses Rollenspiel wird ihr zugebilligt, nämlich hier eine Identifikationsfigur zu thematisieren: Adelita war eine Soldadera, die für den Mut mexikanischer Frauen während der Revolution steht.

          Der kunsthistorische Horizont, den Kahlos Werk durchaus öffnen könnte, verengt sich von Raum zu Raum. Die durchgehend dichte Hängung unterstützt diese Perspektive. Im Jahr 1949 entstand eine Serie von Zeichnungen, in der sie auf Bitten einer Freundin und Psychologin Emotionen in Zeichnungen übersetzte. Liebe, Angst, Wut lässt sie in abstrakte Formen laufen. Dem Betrachter wird suggeriert: Du bist hier, um Frida Kahlo tief in die Augen zu schauen. Er wird zum Psychologen, der munter spekulieren soll über ihr Seelenleben. Die Ausstellung provoziert den Schluss, dass dies der einzige Weg ist, dem Werk von Frida Kahlo gerecht zu werden. Diese Bewunderungshaube erstickt jedoch die Bildwirkung. Zum Ende der Ausstellung werden Filme über Frida Kahlo gezeigt. Der Kreis schließ sich: Wir sind wieder in Hollywood.

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