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Ausstellung in Wiesbaden : Jugendstil – eine Avantgardebewegung

Oskar Zwintschers „Bildnis mit gelben Narzissen“ Bild: Markus Bollen

Aufbruch ins Ende: Seit dem Wochenende präsentiert das Wiesbadener Landesmuseum mit der Schenkung Ferdinand W. Neess die europaweit größte Sammlung an Jugendstil, einer Kunst, die so futuristisch war wie keine andere.

          Der „Jugendstil“ ist ein einziger Widerspruch. Heute von vielen als Kitsch verachtet, war er in seinen zehn Kernjahren von 1895 bis 1905 die fortschrittlichste Kunstrichtung Europas. Da die Zahl der Jugendstilbegeisterten und Sammler in der Nachkriegszeit überschaubar blieb, hatte der in Berlin als Spross einer Industriellenfamilie geborene Ferdinand Neess mit seiner feinen Spürnase für Qualität nahezu freie Bahn.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine seiner ersten Erwerbungen, ein Paar traumwandlerisch fließender Jugendstilkerzenleuchter aus Silber, konnte er noch für sechzig Mark erwerben. Über Jahrzehnte trug er vollständige Raumausstattungen der herausragenden französischen, britischen, deutschen und österreichischen Hauptvertretern des Stils zusammen, wie sie heute unerreichbar und unerschwinglich sind.

          Der Wert der Sammlung wird aktuell auf 41 Millionen Euro geschätzt. Aus Anlass seines neunzigsten Geburtstags vergangene Woche präsentiert das Hessische Landesmuseum Wiesbaden nun dauerhaft seine Schenkung an das Haus in fünf großen Sälen, die durch geschwungene Grundrissformen des Jugendstils abwechslungsreich untergliedert sind: Fünfhundert überragende Objekte des Jugendstils aus allen Bereichen der Kunst – Gemälde, Möbel, Skulpturen, Schmuckstücke, Lampen und Leuchter, Keramiken und Glas. Es ist dies das größte geschlossene Gesamtkunstwerk des vor paradoxen Zuschreibungen nur so übersprudelnden Stils.

          Alfons Muchas Büste „La Nature“– patinierte Bronze, Silber und Lapislazuli

          Über Symbolismus hinaus

          Es beginnt schon mit der Bezeichnung: Obwohl im Epochennamen, nach dem ab 1896 in München erscheinenden Magazin für bewusste Lebensführung „Jugend“ benannt, Blüte und Aufbruch mitschwingt, bleiben Tod und Vergehen stets eingewoben, weil der todessehnsüchtige Fin-de-siècle-Symbolismus die Nährmutter des neuen Stils ist. Das zeigt sich bereits in den Gemälden, die in jedem der etwa ein Dutzend Kabinette der Ausstellung auf den sorgfältig ausgewählten Jugendstiltapeten oder etwa neben die bronzene Türklinke in Pfauenform von Heinrich Vogeler drapiert wurden. Ob Franz von Stucks „Sphinx“ oder Arnold Böcklins abgeschlagenes „Medusenhaupt“ – immer dreht sich die Bildwelt um die potentiell todbringenden Einlassungen mit femmes fatales. In den Verschmelzungsphantasien von (vor allem Frauen-)Körpern mit Tieren und Pflanzen geht der Jugendstil allerdings noch ein beträchtliches Stück über den Symbolismus hinaus.

          Ebenso widersprüchlich, wurde dem Jugendstil von Beginn an seine angebliche Rückwärtsgewandtheit vorgeworfen. Dabei wies kaum eine andere Bewegung in der Kunst eine derartige Zukunftszugewandtheit auf. Zwar fußen die Möbel des Jugendstils in ihren asymmetrisch tanzenden Grundformen auf dem über hundert Jahre zuvor abgelösten Rokoko, wie es in der Schau etwa der phantastisch erhaltene Schreibtisch von Louis Majorelle mit an den Enden herauswachsenden Lilienlampen zeigt. Selbst der Röntgentisch jedoch als modernstes Gerät der Jugendstilzeit war 1895 in diesen Formen erbaut, was nicht verwundert, stammt doch dessen Erfinder Wilhelm Conrad Röntgen aus einer Neuwieder Dynastie begnadeter Rokokomöbelbauer. Aber auch das fast schon manische Interesse des Jugendstils an Physiologie und Mechanik des Körpers, der als thermodynamische Maschine vorgestellt wurde und in der Schau etwa mit den Bildern des malenden Sozialreformers und Kommunegründers Karl Wilhelm Diefenbach von Hitze und „Aura“ abstrahlenden nackten Leibern vertreten ist, wirkt eminent modern. Während Fidus als zentraler Propagandist der Freikörperkultur nicht fehlt, erfinden die frühstücksflockenherstellenden Kellogg-Brüder in den Vereinigten Staaten eine Körperertüchtigungsmaschine wie den Bauchspeckwegrüttler und das Laufband nach der anderen.

          Louis Majorelle, „Tisch“, um 1900

          Standartvorurteile gegenüber dem Jugendstil

          Um 1900 ist der Jugendstil die Stilsprache der Zukunft. Fast sämtliche Science-Fiction-Filme des frühen Kinos sind in seinen charakteristischen Formen gehalten, allen voran die Ikone des neuen Filmgenres, die „Reise zum Mond“ des französischen Filmpioniers Georges Méliès aus dem Jahr 1902. Ebenso wenig zufällig ist es, dass die schimmernde Wehr von Fritz Langs Robotermadonna aus dem Film „Metropolis“, die Vorgängerin auch des Automaten C3PO aus „Krieg der Sterne“, mit Jugendstilornamenten regelrecht überzuckert ist.

          Ein weiteres prägnantes Beispiel für den meist unterschlagenen Technizismus des Art nouveau bilden die Pariser Metrostationen Hector Guimards, dem ein eigener Raum gewidmet ist. Sie wirken in ihrem floralen Grün zwar verspielt, stellen aber hinsichtlich ihrer Beleuchtungstechnik und jederzeitiger Erkennbarkeit im Labyrinth der Großstadt den neuesten Stand der Entwicklung dar. Die auf der Pariser Weltausstellung von 1900 präsentierten technischen Innovationen in Jugendstilformen werden in einem eigenen Abschnitt gewürdigt. Der wirklich einzige Aspekt, der in der ansonsten vorbildlichen Aufarbeitung des Zeitkontexts in den Saaltafeln und im Katalog nicht zur Sprache kommt, ist der bislang kaum ernstgenommene Anteil von Jugendstilkünstlern an der Gestaltung von Ingenieurskunst im Allgemeinen und Kriegsschiffen oder selbst Torpedos im Ersten Weltkrieg im Speziellen.

          Doch selbst solche, den rein ästhetischen Genuss scheinbar störende Fragen unterschlägt die Ausstellung nicht. Eines der Standardvorurteile gegenüber dem Jugendstil lautet, dass er ausschließlich manierierte Artefakte und für die breite Masse unbezahlbare Einzelstücke hergestellt habe. Hingegen zeigt die Sammlung Neess mit ihren allein über hundert Glasvasen und Keramiken von Émile Gallé und einem erläuternden Film, dass sich Kunst und industrielle Fertigung im Jugendstil keinesfalls ausschlossen.

          Der wahrscheinlich bekannteste Jugendstilglas-Produzent Gallé verknüpfte Handwerk und soziale Verantwortung, indem seine Glasbläser und Keramiker die gefragten Objekte zwar in hohen Stückzahlen fertigten, er aber auf passable Arbeitsbedingungen achtete. Weil Gallés Handwerker damit sowohl hochgeschätzte Kunst herstellten als auch gut entlohnt wurden, stellte sich anders als bei der längst dominierenden arbeitsteiligen Produktion eine Marxsche Entfremdung erst gar nicht ein.

          Blütenkelchglas, um 1896/97, Louis Comfort Tiffany

          Genetische Formgesetze als Treibkraft des Stils

          Das führt zum letzten Vorurteil: Nie hat die grundsätzliche Formverspieltheit des Jugendstils gegen die Naturwissenschaft gearbeitet, im Gegenteil. Am Beginn der Ausstellung wird zu Recht Louis-Ernest Barrias’ Kleinskulptur „Die Natur enthüllt sich der Wissenschaft“ präsentiert und auf Ernst Haeckels „Kunstformen der Natur“ verwiesen, denn mit gutem Grund kann man die in den naturwissenschaftlichen Disziplinen der Zeit analysierten genetischen Formgesetze als wesentliche Triebkraft des Stils identifizieren.

          Wie bereits der Titel des instruktiven Begleitkatalogs „Der Ruf des Progressiven“ betont, zählt der Jugendstil auch insofern zu den Avantgardebewegungen, weil er beide Welten verschmilzt. Neu entdeckte Gesetze der Optik beispielsweise des Physikers Hermann von Helmholtz werden von den Künstlern genauestens studiert und fließen umweglos in die Produktion etwa von Gallé ein.

          Die regenbogenschillernde Zerlegung des Lichts durch Prismen wird im Museum auf der „Vase mit Bockkäfer“ im französischen Kabinett überdeutlich: Das kafkaesk riesige Insekt in tiefem Kobaltblau hockt mit seinen langen feinen Fühlern auf dem Untergrund des Gefäßes, der das einfallende Licht durch Pulvereinschlüsse wie ein welkendes Blatt in den Spektralfarben irisieren lässt. Auf Gallés stammförmiger Überfangvase „Die Bäume unterhalten sich mit leiser Stimme“ bringt das eingeschmolzene Pulver die ausgeschnittenen Birkenstämme wie durch ein inneres Abendrot zum Schimmern.

          Ferdinand Wolfgang Neess und seine Frau Danielle stehen im Landesmuseum vor dem Gemälde „Heimkehr“.

          Mit den flammenden Maserungen der vom Jugendstil so geliebten Obsthölzer wie dem rötlichen Kirschbaum und dem Hauptmaterial Glas, das, obschon kristallhart, von den Glasbläsern in jede beliebige Richtung und Form ausgezogen werden konnte, scheint im Jugendstil alles permanent im Fluss zu sein und kein Ende zu dräuen. Zum großen Einbruch kommt es in Deutschland durch den Ersten Weltkrieg; danach hatte der Jugendstil in den Augen Vieler ausgedient, da er dem – auch pekuniären – Ernst der Lage nicht mehr angemessen schien.

          Bauhaus, Neue Sachlichkeit und Funktionalismus haben leichtes Spiel, ihren Konkurrenten aus dem Feld zu schießen, nicht ohne wesentliche Elemente wie die Idee des Gesamtkunstwerks und die progressive Einheit von Kunst und Industriefertigung ohne Skrupel zu plagiieren. Aufgrund der in den Köpfen fest verankerten Nähe von Virilität und Tod aber wurden nicht wenige deutsche Kriegerdenkmäler in Jugendstilformen errichtet.

          Eine kalte Version des Art Déco lebte in den Wolkenkratzern New Yorks und Chicagos bis in die dreißiger Jahre fort, und die geflügelte Rolls-Royce-Kühlerfigur „Spirit of Ecstasy“ von 1911 braust als mobile Jugendstilskulptur bis heute über die Straßen der Welt. Der Jugendstil als Avantgardebewegung hingegen ist in all seinen schillernden Facetten nur noch in der Wiesbadener Sammlung zu erleben. Dort aber in all seiner Frische.

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