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Jugendstil in Wien : Alles ist hier Stimmung

Für dieses Gesamtkunstwerk war ein Künstler nicht genug. Mit einer mustergültigen Ausstellung feiert Wien im Belvedere die Zusammenarbeit von Josef Hoffmann und Gustav Klimt.

          Fritz Wärndorfer, der Sammler, Freund und Vermittler von Gustav Klimt, fasste die Begeisterung für ein neues Werk seines Lieblingskünstlers am 21. September 1910 in einem euphorischen Brief an dessen Auftraggeber in einen letzten lapidaren Satz: „Es wird auf der ganzen Welt nichts Berühmteres geben als Ihre Marmorbilder von Klimt.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Heute gibt es kaum etwas Unbekannteres von Klimt als jenen dreiteiligen Wandfries, über den Wärndorfer derart ins Schwärmen geriet. Denn kaum jemand hat ihn je in Augenschein nehmen können, obwohl er tatsächlich so etwas wie die Summe von Klimts Schaffen darstellt. Die zwei Längsseiten-Teile namens „Erwartung“ und „Erfüllung“ sowie das Schmalseiten-Panel „Ritter“ haben ihr konzeptionelles Vorbild in Klimts Beethovenfries von 1902. Aber ohne die seitdem gesammelten Erfahrungen mit plastischer Oberflächengestaltung in seiner Malerei, wie sie etwa die Bildnisse von Adele Bloch-Bauer (1907) oder der berühmte „Kuss“ (1908) aufweisen, ist der spätere Fries nicht denkbar. Er treibt alles, was Klimt berühmt (und zu einem der teuersten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts) gemacht hat, auf die Spitze. Und doch kann man den Fries nicht sehen.

          Gemeinsame Arbeit am Gesamtkunstwerk

          Denn er ist Teil des bis heute unzugänglichen Palais Stoclet in Brüssel, jenes sagenhaften Privatwohnsitzes, den der Wiener Architekt und Gestalter Josef Hoffmann in den Jahren 1906 bis 1912 für den reichen belgischen Eisenbahnunternehmer Adolphe Stoclet, den Empfänger von Wärndorfers Brief, an der Ausfallstraße nach Tervueren errichtete. Kosten spielten für Stoclet keine Rolle: Er wollte ein Gesamtkunstwerk, geschaffen von jenen Künstlern, deren Arbeiten er in den Jahren zuvor in Wien kennengelernt hatte, als er dort als Repräsentant seines Vaters, des ursprünglichen Firmenchefs, tätig war.

          Gesamtkunstwerk - das ist das Stichwort, an dem sich eine sensationelle Ausstellung orientiert, die im Unteren Belvedere in Wien zum Auftakt des für 2012 ausgerufenen Klimt-Jahres - der Künstler wurde 1862 geboren - eingerichtet ist. Doch ihr Fokus liegt nicht allein auf Klimt, sondern auf seiner Zusammenarbeit mit dem acht Jahre jüngeren Josef Hoffmann. Beide vertraten das Konzept einer Raumkunst, die kein Detail des Zusammenspiels von Architektur, Inneneinrichtung und Kunstwerken dem Zufall überlassen wollte. Entsprechend eng arbeiteten sie zusammen - für Weltausstellungen oder Messen und als frühe erste Krönung bei der legendären Beethovenaustellung von 1902 im Gebäude der Wiener Secession.

          Vom Glück der Erlaubnis zum Nachbau

          Sie und das Palais Stoclet sind die Ankerpunkte der Belvedere-Ausstellung, die Hoffmann und Klimt als „Pioniere der Moderne“ feiert, obwohl sie mit ihrem kompromisslosen Stilwillen eher an ein untergegangenes höfisches Ideal anknüpften (Hoffmann war ein Bewunderer des Barock). Der grandiose Katalog widmet diesen beiden Raumkunstinszenierungen lange, fast schon monographische Einzelbetrachtungen.

          Und doch sind beide nur mittels Kopien in der Ausstellung selbst präsent: In der minutiösen Nachbildung des Saals mit Klimts Beethovenfries in der Ausstellung von 1902 hängt die bereits 1984 angefertigte Kopie des nicht mehr transportfähigen Originalfrieses, der nur im Keller des Secessionsgebäudes besichtigt werden kann. Aber immerhin kann er besichtigt werden, und auch gar nicht weit vom Belvedere. Ins Palais Stoclet dagegen werden im Regelfall nicht einmal Kunsthistoriker vorgelassen. Eine Ausnahme wurde 2006 für Alfred Weidinger gemacht, einen der Kuratoren der Belvedere-Ausstellung, der damals Klimts Werkverzeichnis erstellte. Diesem Glücksfall verdankt sich jetzt die Genehmigung, das Treppenhaus des Palais in der Schau eins zu eins nachbauen zu dürfen.

          Eine Gemeinschaftsaufgabe der Secessions-Elite

          So bekommt man einen Eindruck von der Pracht und der paradoxerweise geradezu spielerischen Strenge, die Josef Hoffmann hier realisiert hat. Kaum war sein Vater gestorben, investierte Adolphe Stoclet einen Großteil des Erbes in dieses Palais. Die genaue Summe kennt man gar nicht, aber die von Hoffmann mitbegründete Wiener Werkstätte, die sich um die Ausstattung kümmerte, erhielt allein 600.000 Kronen, wovon 100.000 für Klimts Fries vorgesehen waren, der das Speisezimmer schmücken würde - und das reichte am Ende nicht einmal aus, um die Herstellung des Kunstwerks und Klimts Honorar zu bezahlen.

          Das Palais Stoclet dürfte zu den teuersten Privathäusern gehören, die jemals gebaut wurden - den „Traum des Nabobs“ nannte es ein Kunstmagazin nach der Fertigstellung. Aber es ist zweifellos auch das kunstgeschichtlich bedeutendste Privathaus. Mitgearbeitet haben daran außer Hoffmann und Klimt unter anderen Fernand Khnopff, George Minne, Koloman Moser, Carl Otto Czeschka, Ludwig Heinrich Jungnickel - mit einem Wort: die Secessions-Elite. Seit 1912 ist dort so gut wie nichts verändert worden. Deshalb wurde das Gebäude samt Inventar 2009 Unesco-Weltkulturerbe - das bislang einzige, das prinzipiell nicht öffentlich zugänglich ist.

          Deshalb ist es so schön, nun im Unteren Belvedere zumindest über die akribisch nachgebaute Marmortreppe gehen zu können und sich an dieser Kopie jene Raumwirkung und vor allem -stimmung zu vergegenwärtigen, um die es Hoffmann ging. Die Ausstellung ist viel mehr, als es die Zahl authentischer Werke vermuten ließe, eine Hoffmann-Schau, obwohl man viele von Klimts besten Frauenporträts versammeln konnte: die von Sonja Knips und Fritza Riedler aus eigenem Bestand, aber auch Leihgaben aus Halle, London und ungenanntem Privatbesitz, für die man die auf Fotografien dokumentierte ursprüngliche, meist von Hoffmann verantwortete Hängung in den Wohnräumen rekonstruierte. Eine schönere und vor allem klüger konzipierte Schau wird man im Klimt-Jahr kaum mehr sehen.

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