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Jüdisches Museum München : Funkeln als ein Quell der Zuversicht

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Der Mut, das Dauerhafte zu wollen: Das Jüdische Museum in München öffnet seine Pforten. Dialog wird großgeschrieben an diesem Ort, der mit seinem spannenden Konzept das nachliefert, was München seit je fehlte.

          Neben Fensterscherben der 1938 zerstörten Münchner Synagoge liegt ein Bruchstück vom Trinkglas, das der Zimmermann beim Richtfest des Neubaus zerschlug, um dessen Glück zu beschwören. Friedlich vereint nun eine Vitrine die Zeugen der Katastrophe und eines Neubeginns nach fast achtzig Jahren. Wenn am Donnerstag das Jüdische Museum in München mit großem Festakt eröffnet und am Freitag dem Publikum seine Pforten auftut, feiert die Israelitische Kultusgemeinde die Vollendung ihres neuen Zentrums auf dem Sankt-Jakobs-Platz in der Mitte der Stadt.

          Mit der Synagoge und dem Gemeindezentrum wurden bereits die Orte gelebter Gegenwart in Betrieb genommen. Nun folgt im dritten Solitär des architektonisch wunderbar geglückten Ensembles vom Saarbrücker Büro Wandel, Hoefer, Lorch (siehe auch: Münchens neue Hauptsynagoge) das Haus wiederbelebter Erinnerung.

          „Können Sie mir erklären, was das bedeutet?“

          Dass hier der Dialog großgeschrieben wird, kündigt schon die Fassade an: „In einem Film habe ich gesehen, wie Juden kleine Steine auf die Gräber der Toten gelegt haben“, steht dort auf der Glasscheibe: „Können Sie mir erklären, was das bedeutet? Es interessiert mich einfach ...“ Die junge israelische Künstlerin Sharone Lifschitz, die den Kunst-am-Bau-Wettbewerb mit ihrem Projekt „Speaking Germany“ gewann, hat Fetzen vieler Gespräche mit Leuten gesammelt, die sie über anonyme Zeitungsinserate fand.

          Gesucht waren Menschen, die sich mit einer jüdischen Besucherin Deutschlands über „nichts Besonderes“ unterhalten wollten. Der in seinen Obergeschossen ganz von Travertin umhüllte Museumskubus ist im Erdgeschoss allseitig verglast. Hier, wo Café und Buchladen untergebracht sind, eröffnen sich Blicke zu den hellsteinernen Schwesterbauten und hinüber zum Stadtmuseum. Was dort seit je fehlt, das Kapitel zur Münchner jüdischen Geschichte und Kultur nämlich, liefert die Stadt jetzt mit ihrem jüngsten Museum nach.

          Bestürzung über Un- und Halbwissen

          Mehr als dreizehn Millionen Euro investierte die Kommune für rund neunhundert Quadratmeter Ausstellungsfläche auf drei Galerieebenen. Um es vorwegzunehmen: Kaum einer kommt da an der Bestürzung über das eigene Un- oder Halbwissen vorbei. Umso mehr Staunen und Freude am neu zu Erfahrenden - zumal das Konzept es bestens versteht, die Neugier wachzuhalten.

          Weil Gründungsdirektor Bernhard Purin auf Lernen am ästhetisch aufbereiteten Objekt setzt, ließ er Künstler helfen, die Dauerausstellung zum spannenden Erlebnis-Rundgang durchs jüdische München zu gestalteten. Stimmen aus zwei Jahrhunderten umschwirren uns, erzählen von der Ankunft in München: Die Arbeit, die Liebe, der Zufall - zwar ist nicht überliefert, was „Abrahams aus Municha“ in die Stadt holte, den eine Urkunde 1229 als ersten Münchner Juden nennt, wohl aber, warum Juden aus Schwaben, Franken und Wien fast dreihundert Jahre nach der Vertreibung aus dem Herzogtum Bayern um 1725 wiederkamen: Die Kurfürsten brauchten sie dringend als „Hoffaktoren“, also Kreditgeber, auch mal als Juwelenlieferanten für ihre Hochzeiten.

          Überschaubare hauseigene Sammlung

          Wie aber lässt sich je verstehen, dass Wolf Garfinkel, der mehrere Konzentrationslager überlebte, auf dem Weg in die Emigration in München hängenblieb? Ein interaktiver Stadtplan illustriert, wo Garfinkel in der Isarvorstadt eine Druckerei eröffnete; man sieht ihn zwischen seinen Setzern als den Mann, der den wenigen Juden, die nach der Schoa wagten, hier zu leben, ihre „Neue Jüdische Zeitung“ herausgab.

          Einstweilen ist die hauseigene Sammlung sehr überschaubar, Dauerleihgaben aus Privatbesitz helfen aus. Ein wichtiger Kernbestand verdankt sich dem Engagement von Richard Grimm, der 1989 ein kleines privates jüdisches Museum gründete, die Keimzelle der heutigen Institution. Es blieben nicht viele Objekte, die an Münchens Juden erinnern. Über anderen schwebt da fröhlich der Zylinder, den Julius Thannhauser um 1900 trug, Hutfabrikant und Gründer der ersten Münchner Karnevalsgesellschaft.

          Gewaltiges Interesse der Bevölkerung

          In der Ausstellungsreihe „Sammelbilder“ stellt die amerikanische Gastkuratorin Emily D. Bilski berühmte und bedeutende jüdische Kunstsammler und -händler vor, die maßgeblich zu Münchens Ruf als Kunststadt beitrugen. Den Vortritt bekam Alfred Pringsheim, der endlich mal der ewigen Rolle des Schwiegervaters entschlüpfen kann. Einblicke in sein großbürgerlich prunkvolles Palais an der Arcisstraße illustrieren, wie er seine unerreichte Majolika-Sammlung zur Schau stellte und die exzellente Kollektion historischer Silberobjekte. „Die Lenbach-Schönheit“ Hedwig Pringsheim sehen wir vereint mit ihrer nicht minder schönen Mutter Hedwig Dohm und der kleinen Katja, alle porträtiert vom Künstlerfürsten.

          Eine Geschichte für sich ist, dass Emily Bilski, als sie für ihre Ausstellung im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte recherchierte, sich genau am Ort ihres Forschungsobjekts befand: Eben hier stand das Palais, das die Nationalsozialisten Pringsheim 1933 abzwangen, um einen Parteipalast zu errichten. In ihm installierten die Amerikaner 1945 den Sammelpunkt für Raubkunst: Raubkunst als ein uraltes Thema streift die dritte Schau im Haus, gewidmet dem Wittelsbacher Sammeln von Jüdischem.

          In der Wunderkammer des Renaissancefürsten Albrecht V. stand ein Tisch mit Gerätschaften, vom Katalog als „älteste Judaica-Ausstellung der Welt“ bezeichnet. Verfügbar wurden solche Stücke oft durch die Vertreibung der Juden aus den Städten im späten Mittelalter. Hab und Gut mussten auch damals oft zurückbleiben. Das Interesse der Bevölkerung am neuen Jüdischen Zentrum ist gewaltig. Man wünscht sich, darin gute Anzeichen erkennen zu dürfen dafür, dass der „funkelnde Quell der Hoffnung und der Zuversicht“, mit dem Salomon Korn bei der Eröffnung der Synagoge ihr nächtliches Leuchten verglich, auf empfänglichen Boden trifft.

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