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Jüdisches Museum Berlin : Die Rache des Wutkünstlers

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Warum ist Boris Lurie so unbekannt? Und was bedeutet NO!art? Das Jüdische Museum in Berlin zeigt seine alarmierende Gegenkunst.

          6 Min.

          NO!art“ nannte sich 1959 eine kleine Künstlerkooperative in der Lower East Side von Manhattan, deren Parole in wortspielerischer Dialektik die Ablehnung des Establishments auf den Begriff brachte. Anti-Kunst, Nichtkunst, die Kunst des Nein und der Negation - all das sollte NO!art sein. Die Kunstkritik hatte die von Sam Goodman, Stanley Fisher und Boris Lurie gegründete Gruppe keineswegs übersehen. Ausstellungen wie die „Vulgar Show“, „Shit Show“ oder „Doom Show“ (über das Verderben) brachten es in die Spalten der „Village Voice“, unter der Eloge eines jungen Rezensenten stand einmal der Name Tom Wolfe. Es darf als wahrscheinlich gelten, dass auch ein Andy Warhol sich in diesen Ausstellungen umgetan hat.

          Doch in den heute lebhaft diskutierten Kanon der Gegenwartskunst schaffte es die NO!art ebenso wenig wie in die Verbreitungskanäle der repräsentativen New Yorker Kunst um 1960, was logisch war: Denn in nichts sah sich das Künstlertrio so vereint wie in der Aversion gegen den geölten Betrieb, die forcierte ökonomische Verwertung von Kunst, überhaupt die Kulturindustrie. Andererseits bleibt es doch bemerkenswert, wie hartnäckig die drei Protagonisten bis heute von den Kunstmuseen ignoriert werden - in einem Ausstellungswesen, das es auf Provokation durchaus absieht, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Immerhin notierte der Kunstkritiker Irving Sandler 2003 in seinen Memoiren, rückblickend betrachtet seien die NO!art-Künstler „ihrer Zeit voraus gewesen“, hätten sie doch „die spätere Perversion und die Abjektkunst vorweggenommen, die unser elendiges zwanzigstes Jahrhundert reflektierten“.

          Mord an den Juden als Kunstwerk?

          Dieses Jahrhundert und seine Perversionen haben nur sehr wenige Künstler so ungefiltert reflektiert wie Boris Lurie (1924 bis 2008). Was er in den frühen sechziger Jahren collagierte, war in brutaler Konsequenz Kunst - „Die Kunst des Boris Lurie“ lautet denn auch seine hierzulande umfangreichste, unbedingt sehenswerte Einzelausstellung im Jüdischen Museum in Berlin. Es gibt in dieser Ausstellung einige Werke aus den Jahren 1959 bis 1964, die man so schnell nicht wieder loswird. Wer es darauf anlegt, kann heute, anders als in den späten fünfziger Jahren, mit einigen wenigen Mausklicks an makabre, obszöne, grausame Bilder gelangen und daraus vielleicht ableiten, die Gegenwart sei im Umgang mit solchem Material etwas abgebrühter, zumal eine biennaletaugliche Kunst heute selbst ausgiebig aus diesen Quellen schöpft. Doch Luries Collagen über den Holocaust und seine Darstellung in den Printmedien belehren eines Besseren; sie offenbaren sich ihrerseits als historische Bezugsgrößen für eine heute selbstverständliche Verwendung von pornographischem Material und Gewaltmotiven in der jüngeren Collagekunst.

          Schier unerhört radikalisiert Lurie 1961 die damals in den Anfängen steckende Konzeptkunst mit dem Offsetdruck einer Fotografie geschichteter Leichen auf einem Flachwagen der Reichsbahn. Er versieht sie mit einer lakonischen Unterzeile: „Flatcar, Assemblage, 1945 by Adolf Hitler“. Düsterer kann Kunst kaum auftreten, deklariert sie doch den Mord an den Juden als Werk - als Kunstwerk - des verhinderten Künstlers Hitler. Luries Arbeit mit der Aufnahme eines unbekannten Fotografen entstand als Kommentar zu der damals laufenden Ausstellung „The Art of Assemblage“ im Museum of Modern Art, dem Moderne-Tempel, und verkörpert auch in diesem Bezug zur Kunstszene NO!art in Reinkultur.

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