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John M Armleder in der Schirn : Alles ist echt, alles ist falsch

Der Himmel über Frankfurt hängt voller Discokugeln: John M Armleders Installation „CA.CA.2“ Bild: © Schirn Kunsthalle 2019 / Norbert Miguletz

Raumausstattung der besonderen Art: In der Frankfurter Schirn sind Werke des Schweizer Konzeptkünstlers John M Armleder zu sehen. Es darf gestaunt werden.

          „Ich mache nichts anderes als das, was andere schon einmal gemacht haben.“ Dieser Satz ist wahr, und Widerrede ist zwecklos. Nicht weil er besonders ehrlich wäre. Sondern weil dieser Satz die Kunst seit den verwehten Avantgarden des zwanzigsten Jahrhunderts ins Mark trifft, nicht nur die Kunst von John M Armleder, der das über sich sagt. Der Satz, im Treppenaufgang zu Armleders Ausstellung in der Frankfurter Schirn an die Wand geschrieben, gehört zu seinem Konzept. Seine Zeitgenossin, die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer, hat solche Sentenzen als Kunstform Truisms genannt und an öffentlichen Orten verteilt, zum Beispiel „Money creates taste“. Beide Sätze sind Banalitäten. „Banalität“ heißt Alltäglichkeit, und Armleder wie Holzer sind Konzeptkünstler von Graden, praktizierende intellektuelle Dekonstrukteure von Umwelt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Betritt man den großen Raum, den John M Armleder eigens für die Schirn eingerichtet hat, tritt am besten erst einmal Betrachtung vor die Tiefsinnsuche. Das visuelle Vergnügen ist hoch an dieser Ausstattung der eigenwilligen Art, alles scheint irgendwie vertraut. Der zweite Blick hebelt die Anmutung des altbewährten L’art pour l’art aus. Aber das Environment sieht immer noch großartig aus, ein bisschen wie ein Design-Studio, wo die Farben schön harmonieren, da hat einer Gespür für Ästhetik. Aber was soll dann ein deutlich überdimensionaler Schlaf- und Kratzplatz für Katzen, mit Kunstfell in hübschen Türkis- und Blautönen überzogen?

          Sein riesiges Wall Painting „Divino“erinnert mit Humor an den eigenwilligen Streifen-Stil von Morris Louis

          Furniture Sculptures heißen Armleders spezielle Plastiken, Hybride aus vorgegebenen Strukturen und ihrer Überformung, die sie aus der Tauglichkeit kippt. Wie einen verkrumpelt auf dem Boden liegenden Flokati-Teppich. Er trägt seit 2002 den Titel „No Pain, Just Gain. No Pain, Just Gain. No Pain, Just Gain“. Der schiere Zufall gibt ihm immer neu seine Gestalt.

          „CA.CA.“ heißt das Environment für die Schirn, circa, circa, so ungefähr. Das ist auch der Titel der aufwendigsten Installation, eines Stufengerüsts, von dessen Plattform aus sich durch das große Fenster an der Stirnwand in Richtung Main schauen lässt. Auf beiden Seiten gesäumt ist die Treppe von – wirklichen und künstlichen – Topfpflanzen: Was ist echt? Was ist falsch? Das ist eine zentrale Frage im Schaffen des Künstlers.

          „Let it Shine. It’s Xmas again!“ (2015), ein Schaufenster für La Rinascente

          John M Armleder, geboren 1948 in Genf, kommt von der „Fluxus“-Bewegung, an der er sich seit den Sechzigern beteiligte. Danach wollte er auf keinen Fall neo-abstrakt malen wie mancher andere. Doch beim Zufallsprinzip blieb er, gern exerziert mit schillernden, glitzernden Materialien. Ein wenig wie halbseidener Luxus – alles ist echt, nichts ist echt. Seine Nähe zur Performance kommt immer wieder in den Arbeiten durch, sie sind wie Zeugen eines grade vergangenen oder noch andauernden Geschehens: wie sein riesiges Wall Painting „Divino“, eigens für die Schirn entstanden, das Glamour verbreitet und dabei mit Humor an den eigenwilligen Streifen-Stil eines Morris Louis erinnert. Wie Mikadostäbe, scheinbar arbiträr gefallen, liegen bunte Neonröhren auf dem Hallenboden – als wär’s eine ruinierte Lichtplastik von Dan Flavin.

          „Let it ride“ heißen zwei kopfüber an die Wand gelehnte Kinderrutschen, eine Furniture Sculpture von 2012

          Zwei der langen Seitenwände sind mit einer Art Tapete verziert, auf der sich die Schablonen goldfarbener Totenköpfe in gegliederter Reihung wiederholen – noch so ein Spiel, vielleicht mit dem Minimalisten Niele Toroni, der seit Ende der Sechziger seine Erfüllung in der Gleichförmigkeit von Pinselabdrücken auf der Leinwand gefunden hat. Inzwischen hat man die Pointe kapiert: Nach der Abstraktion, nach der Pop-Art, nach dem Post-Pop, was jetzt tun? Was da ist, immer wieder neu sortieren, die glatte, platte Designseligkeit unterwandern mit Irritationen! „Let it ride“ heißen zwei kopfüber an die Wand gelehnte Kinderrutschen, eine Furniture Sculpture von 2012. Ja, da ist ein Hauch von Melancholie.

          Es ist klar, dass Armleder nicht einfach so möbliert. Mit seinen Interventionen dekonstruiert er seine Umgebung. Man kann sagen, er demöbliert allfällige Kunstformen. Die vielberufene Tiefe der Oberfläche erhebt er zum Programm in seinen ironischen Zitaten: Das meint er, wenn er sagt, er tue, was die anderen schon taten. Dabei sträubt er sich keineswegs dagegen, à la mode zu sein: so, als er vor ein paar Jahren für die guten Anzüge der italienischen Schneiderei Brioni selbst Modell saß. Aber sein gesamtes Schaffen durchziehen Bruchstellen wie einen in feinen Rissen geborstenen Spiegel. In den man doch immer wieder schauen will.

          Unter dem offenen Himmel der Rotunde des Schirn-Baus hängt der Himmel voller Discokugeln in unterschiedlichen Größen, die sanft schwingen und sich drehen, wie einst zum „Saturday Night Fever“. Das in ihren Tausenden kleinen Spiegeln gebrochene Licht wird reflektiert von der eigens angebrachten Verspiegelung der Innenwände des Rundhofs. Das ist wunderhübsch, poetisch nachgerade, vor allem nach Anbruch der Dämmerung. Doch zugleich wiegt sich da die leise Wehmut der Vanitas, hinter tausend Spiegeln keine Welt.

          John M Armleder. CA.CA. In der Schirn Kunsthalle, Frankfurt; bis zum 1.September. Der Katalog erscheint während der Laufzeit der Ausstellung und kostet in der Schirn 15 Euro.

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