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Jörg Immendorff : Wie malt man mit schlafenden Händen?

  • Aktualisiert am

Die Krankheit ist nur eine andere Möglichkeit unserer selbst: Ein Gespräch mit dem Maler Jörg Immendorff über sein Leiden, Politik, Religion und die Bibel, die er gerade mit seinen Bildern geschmückt hat.

          5 Min.

          Der Maler Jörg Immendorff hat sich in seinen Werken mit der deutschen Vergangenheit und Gegenwart, mit der sozialen Relevanz der Kunst und den Möglichkeiten des Künstlersein auseinandergesetzt. Bekannt wurde er vor allem mit seinem Zyklus „Café Deutschland“.

          Nun hat der sechzig Jahre alte Immendorff, der an der Muskelkrankheit ALS leidet, die seinen Körper lähmt, aber nicht seinen Willen, weiter Kunst zu produzieren, vierundzwanzig Bilder aus seinem Œuvre für eine bewußt einfach gestaltete Bibel ausgewählt.

          Herr Immendorff, hat sich Ihrer Vorstellung des Schöpferischen durch Ihre Krankheit verändert?

          Ich würde beinahe sagen, ich wäre selbst ohne meine Gebrechen zu einer Arbeitsweise gelangt, wie ich sie heute praktiziere. Wie malt man mit schlafenden Händen? Da gibt es viele Parallelen zu Partituren, die in Gruppen aufgeführt werden. Ähnlich verstehe ich meine heutige Bilderproduktion. Wir haben hier jeden Tag kleine Kammerkonzerte. Das heißt, ich bin der Komponist, ich hecke etwas aus. Das wird dann durchgespielt und von Helfern realisiert. Dann treibe ich die individuelle Handschrift meiner Helfer aus, was mehr Mühe kostet, als gegen meine eigene anzugehen.

          Sie haben gerade eine Bibel mit einer Auswahl Ihrer Bilder geschmückt. Jörg Immendorff und die Bibel: Wie paßt das zusammen?

          Ich bin schon als Kind über die Bibel gestolpert, nicht erst jetzt, als ich das Buch der Bücher für „Bild“ und Bertelsmann gestaltet habe. Das war in einer Zeit - einige kennen das ja noch -, als man in der Schule Fleißkärtchen bekam mit Bebilderungen biblischer Szenen, die etwas verkitscht waren. Da ich nicht einer der Fleißigsten war, war ich immer besonders stolz, wenn ich eines bekam. Schon meine erste Bekanntschaft mit der Bibel war also bildnerischer Art. Später erfolgte sie dann im Zuge meiner Entwicklung, sich mit Gegenbildern zu beschäftigen, vorgegebene Bilder nicht als ausreichend zu empfinden und deshalb eigene zu entwerfen. So wuchs in der Beschäftigung mit der Bibel etwas in mir, was meinen Bewußtseinshorizont erweitern half.

          Die Bibel hat also schon früh einen prägenden Eindruck bei Ihnen hinterlassen?

          Ich habe Trompete im Kirchenchor gespielt. Ich mußte immer in die Wälder, um zu üben, weil wir in einer Siedlung wohnten und die Trompete ja nicht gerade ein leises Instrument ist. Also bin ich, aus Rücksicht auf die Nachbarn, zum Üben in den Wald gegangen. Aber selbst die Tiere sind geflüchtet. Für kirchliche Jugendtreffen war ich nicht geeignet, und auch mit den Pfadfindern bin ich nicht klargekommen. Im Internat gab es dann Karikaturen von mir als Maler mit Rollkragen und Spitzbart. Ich wurde als arrogant eingestuft, weil ich mich gern zurückzog. So war ich eben. Ich weiß nicht, ob die frühe Scheidung meiner Eltern und das Aufwachsen ohne Vater dabei eine Rolle gespielt hat. Jedenfalls habe ich mich in meine Bilder verrannt und vergraben. Sonst wäre ich vielleicht früher einen Pakt mit dem Stoff der Bibel eingegangen.

          Wann haben Sie den Faden wieder aufgenommen?

          Das war in den neunziger Jahren, als ich das Vergnügen hatte, die Ausstattung für Strawinskys „The Rake's Progress“ zu entwerfen. Ich habe die Oper zur Künstleroper gemacht, was nach wie vor einmalig ist, weil ich andere Künstlerfiguren mit einbezogen habe. Beuys war „Truelove“, Baselitz war Chef des Irrenhauses Bethlem, eine wichtige Rolle, auch wenn er sich beschwerte. Lüpertz war „Nick Shadow“ und Penck die „Türkenbab“. Sie erinnern sich vielleicht an Hogarth' Stich, wo der Vater von Tom Rakewell sich aus dem Ledereinband einer Bibel Schuhe machen läßt. Diese Schuhe kann man als Todsünde des Geizes deuten. Man kann aber auch mit dem Gedanken spielen, daß diese Schuhe sich nun einige angezogen haben, die es nicht gut mit der Bibel meinen. Wenn ich mir die Bibel als Pflug vorstelle und die Menschheit als den großen Sämann, so entstehen böseund gute Pflanzen. Nun traut man ja einem Achtundsechziger, einem ehemaligen sogenannten Maoisten, Bibelnähe nicht zu. Ich gestehe, daß mir in der Schule vieles davon verleidet wurde. Einiges mußte ich auswendig lernen, wie die Geschichte, in der Jesus mit seinen Jüngern loszieht, sie ein Hufeisen finden, aber keiner sich bücken und es aufheben will. Woraufhin Jesus selbst es aufhebt, verkauft und von dem Geld Trauben kauft, die er dann - Träubchen für Träubchen - fallen läßt. Und plötzlich bücken sich die Jünger eifrig.

          Haben solche Motive direkt in Ihre Bilder Eingang gefunden?

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