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Miró-Ausstellung in Brühl : Der Strand des Lebens gebiert Monster

  • -Aktualisiert am

Die Absicht des Schöpfers scheint unverkennbar: Eine Ausstellung im Max Ernst Museum in Brühl feiert die Phantasiegeschöpfe von Joan Miró.

          Es ist ein schwülwarmer Tag im Sommer des Jahres 1970, als Joan Miró in sein großzügiges Atelier zurückkehrt. Gerade noch hat er sich am Strand die heiße Sonne auf den Rücken scheinen lassen, nun trägt er ein helles Hemd. Der Form halber. Vielleicht, weil „sie“ ihn erwarten. Sie, die mit ihren großen runden Mündern, ihren winzigen Köpfen und ihren Drahthaaren seine Aufmerksamkeit einfordern. Die kleine Armee der bronzenen Dämonen steht auf dem Boden, hängt an den Wänden oder hat eine Nische auf den braunen Holzschränken ergattert. Bald schon wird sie sich vergrößern. Einen ersten Schritt dahin hat Miró an diesem Tag unternommen.

          Er hat es über die Jahre zu einer schönen Angewohnheit werden lassen, auf seinen Spaziergängen verlorene, entsorgte und vergessene Überbleibsel der Alltagswelt aufzuklauben, die im Atelier zu einem gänzlich anderen Wesen mutieren. Diesmal hat er einen rostigen Metallreifen vom Wegesrand aufgelesen, der von kleinen silbernen Nieten zusammengehalten wird.

          Vexierspiel mit den Grenzen der Realität

          Auch der Metallreifen wird wenige Wochen später, in Bronze gegossen, in einer Kreatur aufgehen, die Kunst ist und auch nicht, die Mensch ist und gleichzeitig nicht weniger human wirken könnte: Zwei kurze braune Bretter und ein länglicher Klotz dienen als Kopf, zwei massige, grün patinierte Beine geben dem Wesen seinen Stand. Und der Reifen? Er hat seine neue Bestimmung als Torso gefunden, an dem ein großer, grün patinierter Wasserhahn eine humoristische Reminiszenz ans Wasserlassen impliziert.

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          Ein neu geborenes Ungetüm, eines von vielen in Mirós Atelier – und eines von siebzig in der Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl, die sich auf die Suche nach dem Grund hinter dem plastischen Spätwerk der sechziger und siebziger Jahre begibt. Und dabei immer wieder um den Begriff „Monster“ kreist. Ein Terminus, den der Katalane selbst verwandte, wenn er von seinen Bronzen sprach; ein kleines Vexierspiel mit den Grenzen der Realität.

          Antifigur eines jeden göttlichen Plans

          Oft tauchen Monster dort auf, wo man sie nicht vermutet, aber dringend braucht. Sphingen bewachen die Grabmäler altägyptischer Herrscher, Zentauren verbreiten als Symbole ungezähmter Grausamkeit Angst und Schrecken in griechischen Mythen, Zwitterwesen aus Menschen und Fischen locken Seefahrer in den sicheren Tod. Fabelwesen wie diese finden sich nicht zufällig in allen Epochen wieder. Kälber mit zwei Köpfen oder Schweine, aus deren Rücken Beine wachsen, bevölkern auch die Arbeiten Albrecht Dürers. Das furchtsame Staunen seiner Zeitgenossen über diese dem Grunde nach harmlosen Mutationen wusste der Künstler schon früh für sich zu nutzen.

          Als Personifikation des Teufels selbst gaben sie, meist in Kombination mit Klauenhänden, gespaltenen Hufen und Widderhörnern, dem absurden Bild der Sünde ein haariges Gesicht. Friedrich Nietzsche hätte diese düstere Personifikation nicht besser beschreiben können, als er einmal schrieb: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Der perfekte Bösewicht als Spiegel gesellschaftlicher Abgründe und die in ihrer unnatürlichen Körperlichkeit klar definierte Antifigur eines jeden göttlichen Plans war im ausgehenden Mittelalter von unschätzbarer Symbolkraft.

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