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Meinhard von Gerkan : Jenseits der Raster liegt der Strand

Der Architekt Meinhard von Gerkan macht utopische Ansätze realisierbar. Eine lebensunfreundliche Satellitenstadt wird da schon einmal zu einem unendlichen Strand. Jetzt wird er achtzig Jahre alt.

          Eine der schönsten Ideen des Architekten Meinhard von Gerkan ist die „never ending Copacabana“. Sie ist das Zentrum der chinesischen Satellitenstadt Lingang New City – und eine Antwort auf eine der drängenden Fragen der aktuellen Architektur. Bis zum Jahr 2030 erwartet UN Habitat, das „Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen“, eine Milliarde neue Haushalte, in Asien allein wird es den Prognosen zufolge in fünfzehn Jahren etwa 1,5 Milliarden Haushalte geben. Wie werden diese Menschen wohnen? Wie werden ihre Städte aussehen, ihre Häuser und Plätze?

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn es nach von Gerkan geht, so wie Lingang New City. Die Satellitenstadt bei Schanghai ist neben Canberra, Brasilia und Chandigarh eine der größten Stadtneugründungen der vergangenen Jahrhunderte; auf vierundsiebzig Quadratkilometern sollen bald achthunderttausend Menschen leben und arbeiten. Den Wettbewerb für die neue Hafenstadt, mit der die Stadtplaner das Wachstum von Schanghai auffangen wollen, gewann das Hamburger Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner mit einer Idee, die sich auch der Geographie ihrer Heimatstadt verdankt: So wie sich das Zentrum Hamburgs um einen zum Binnensee aufgestauten Fluss, die Alster, gruppiert, so ist das Zentrum der neuen chinesischen Idealstadt ein kreisrunder See, in dem es Inseln und eine acht Kilometer lange Seepromenade mit einem Badestrand gibt – die „never ending Copacabana“. Ein Strand als Zentrum der neuen Stadt: Es sind solche Ideen, die die Lebensqualität von Hunderttausenden schlagartig verbessern.

          Urbane Bretter, die die Welt bedeuten

          Schon mit Anfang dreißig gewann Meinhard von Gerkan zusammen mit seinem Büropartner Volkwin Marg, mit dem er bis heute das Architekturbüro gmp betreibt, den Wettbewerb für den Bau des Berliner Flughafens Tegel mit einer ebenfalls verblüffenden Idee: Den 1974 eröffneten Flughafen entwarfen sie als ein großes Sechseck, an dem die Flugzeuge über vierzehn Fluggastbrücken direkt andocken können und in dem man im Innenhof des Terminals unmittelbar vor dem jeweiligen Check-in-Schalter abgesetzt wird. Vom Taxi zum Check-in dauert es in Tegel nicht länger, als den Namen des neuen Berliner Großflughafens „BER Berlin Brandenburg International Willy Brandt“ auszusprechen, den ebenfalls gmp entwarf – sichtbar ohne die Prioritäten und Freiheiten, die man beim Entwurf von Tegel hatte. Die großen internationalen Flughäfen machen heute mehr als fünfzig Prozent ihres Umsatzes mit Shopping im Wartebereich, und dass die Verzögerung des Abflugs Teil des Geschäfts ist, können auch die Erfinder des schnellen, eleganten Abflugs nicht ignorieren.

          Jenseits der Großprojekte hat von Gerkan, der bis 2002 in Braunschweig das Institut für Baugestaltung leitete, interessante kleinere Bauten entworfen, darunter zwei Wohnhäuser im Stil der weißen Moderne in seiner Heimatstadt Riga. In Hamburg, wo er nach dem frühen Tod seiner Eltern als Pflegekind aufwuchs, wurde er 1980 mit dem Bau des Hanseviertels bekannt, damals eines der ersten größeren Baukomplexe, in dem wieder traditioneller Backstein zum Einsatz kam. In den folgenden Jahren wuchs gmp zu einer Architekturfabrik an, deren zahllose Bauten nicht immer als Meisterwerke der Chefs zu erkennen waren.

          Einer der schönsten neueren Entwürfe ist das Hanoi-Museum in Vietnam, eine auf den Kopf gestellte Pyramide aus nach oben hin auskragenden Geschossen, die an klassische vietnamesische Tempelbauten ebenso erinnern wie an die metabolistischen Utopien der asiatischen Moderne: Die oberste, neunzig mal neunzig Meter breite Ebene schwebt wie eine phantastische Bühne über der Stadt. Heute wird ihr Erfinder achtzig Jahre alt.

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