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Jenny Holzer wird 70 : Die Frau und die Schrift

US-Künstlerin Jenny Holzer steht an ihrem Kunstwerk "Monument" (2008) in der Beyeler Fondation. Bild: dpa

Sie hat die Schrift jedes Malgrunds entkleidet und damit die öffentlichen Räume weltweit erobert. Erleuchtung als Programm: Zum siebzigsten Geburtstag der Künstlerin Jenny Holzer.

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          „Money creates taste.“ Damit ist nichts über die Qualität des Geschmacks gesagt, alles über die Wirkung des Gelds. Es ist nur eine jener Wahrheiten, die von der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer seit Ende der siebziger Jahre – buchstäblich – an die haushohen Mauern unserer Zeitgenossenschaft geschrieben werden.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Sucht man eine kunsthistorische Tradition, lässt sie sich vielleicht im Kubismus am Anfang des letzten Jahrhunderts sehen, als Georges Braque und Pablo Picasso Wörter und Satzfetzen in ihre Werke einfügten: als neue Formelemente ihrer Gemälde, die damit – im Wortsinn – auch lesbar wurden, Fragmente aus der Urbanität der Moderne. Doch Holzer hat die Schrift jedes Malgrunds entkleidet, in ihren Anfängen auf nackte Flächen gemalt oder als Poster geklebt, etwas später elektronisch projiziert. Mit ihren „Truisms“, Binsenweisheiten also, hat sie begonnen, und mit ihnen hat sie wie keine andere Künstlerin, auch kein anderer Künstler bis heute die öffentlichen Räume weltweit erobert.

          Jenny Holzer, geboren 1950 in Gallipolis, Ohio, als Tochter eines deutschen Autohändlers und einer Reitlehrerin, gehört zur Generation, deren Kunstvorstellung in Amerika vom abstrakten Expressionismus dominiert war. Diese Malerei war die längste Zeit eine Männerdomäne der großen Gestik, erst jetzt kommen abstrakte Künstlerinnen in den Fokus wie Joan Mitchell, Helen Frankenthaler oder Lee Krasner, die aus dem Schatten ihres Ehemanns Jackson Pollock tritt. Holzer hat den Weg der abstrakten Malerei schnell verlassen, mit der sie begann. In ihrem Schaffen findet eher ihr Studium der Zeichnung und Druckkunst in Chicago, dann Design in New York Widerhall. Und sie hat für sich früh die damals neue Computertechnik entdeckt, das machte sie als Installationskünstlerin von Gnaden zur Pionierin. Mit Unterstützung der Technik konnte sie fortan ihre Botschaften in den Schriftbändern riesiger LED-Ketten herabrieseln oder monumental auf die Silhouetten von Städten in aller Welt schreiben lassen.

          Mitarbeiter mit Mundschutz vor Jenny Holzers Werk "[no title] 1979Ð82." während der Wiedereröffnung der Tate Modern.
          Mitarbeiter mit Mundschutz vor Jenny Holzers Werk "[no title] 1979Ð82." während der Wiedereröffnung der Tate Modern. : Bild: EPA

          Von Beginn an versteht sich Holzer als politische Künstlerin. Sie greift ein, seit im Billboard-Format 1982 am New Yorker Times Square stand: „Your oldest fears are the worst ones.“ Seither operiert sie mit dem provokanten Appell an starke Emotionen; die aktuellen gesellschaftlichen Kampfzonen sind ihr vertraut. Sie hat vielseitige Möglichkeiten von Wirkung ausgenutzt, ohne Scheu vor den populären Mitteln. Als sie 1999 einem BMW den fatalen Spruch „Protect me from what I want“ auf das wie eine Flunder flache Chassis schrieb, hat sie das nur weiter berühmt gemacht. Im Jahr 2015 beteiligte sich Holzer, deren Arbeiten längst in den wichtigsten Museen der ganzen Welt präsent sind, am dystopischen Freizeitpark „Dismaland“ des britischen Künstlers Banksy in Südengland, den es nur fünf Wochen lang gab. Überhaupt sind die meisten ihrer Projekte in der Öffentlichkeit temporär, leuchten nur für ein paar Tage oder Wochen, dann verlöschen sie wieder an den Wänden der Städte; die Zeitlichkeit und die Vergänglichkeit gehören zu ihrem Programm, während ihre vorsätzlichen, mitunter sarkastischen Plattitüden auf T-Shirts, Postkarten und anderem Alltagsbedarf insistieren – „Abuse of power comes as no surprise“. Es ist das unabschließbare Projekt der Aufklärung, dem sie folgt mit ihren künstlerischen Mitteln, zu denen die Überwältigung durchaus zählt. An diesem Mittwoch feiert Jenny Holzer ihren siebzigsten Geburtstag.

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