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Stillleben von Jakow Pain: Werke des jüdischen Konstruktivisten wurden bei einer Schau 1921 gezeigt. Bild: Boris-Jelzin-Museum

Russische Provinz-Avantgarde : Das ramponierte Pferdchen leuchtet optimistisch

  • -Aktualisiert am

Wie vor hundert Jahren der Aufbruch der avantgardistischen Maler selbst abgelegene Orte in der Provinz elektrisierte: Im Jekaterinburger Jelzin-Zentrum fährt die Avantgarde-Kunst auf dem Bauernwagen ins 21. Jahrhundert.

          3 Min.

          Das Jelzin-Zentrum in Jekaterinburg ist die wohl wichtigste Kulturinstitution in Russland, in der liberale Ideen mit dem offiziellen Segen des Staates gepflegt werden. Hinter seiner abends in optimistischem Rosa strahlenden Fassade wird das Erbe des in der Industriestadt geborenen ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin gepflegt, hier sieht man kritische Filme, führt Geschichtsdebatten, Moskauer Intellektuelle, aber auch internationale Gäste sprechen über verdrängte Konflikte und Völkerrecht. Noch, muss man sagen, denn die in New York ausgebildete Sibirierin Dina Sorokina, die als Direktorin die Unabhängigkeit des Zentrums verkörpert, wird zum Ende dieses Jahres, in dem Präsident Putin die Jelzin-Verfassung von 1993 faktisch demontieren ließ, ihren Posten abgeben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Noch bis in den Januar hinein ist in der Kunstgalerie des Hauses eine Ausstellung zu sehen, die aufarbeitet, wie vor hundert Jahren der Aufbruch der avantgardistischen Maler für kurze Zeit auch abgelegene Orte in der Provinz elektrisierte. Die Schau „Die Avantgarde auf dem Bauernwagen ins 21. Jahrhundert“ vergegenwärtigt mit mehr als dreihundert Werken aus drei regionalen Museen im Landkreis Kirow (damals: Wjatka), wie lokale Künstler sich von den formalen Experimenten eines Wassily Kandinsky und Alexander Rodtschenko inspirieren ließen und sie für gemeinsame Wanderausstellungen gewannen. Und sie zeigt erstklassige Avantgarde-Werke von Olga Rosanowa und Ljubow Popowa aus dem bei der Stadt Kirow gelegenen Flecken Slobodskoi, wo der in Moskau ausgebildete Maler Sergej Luppow 1920 ein revolutionäres Kunstmuseum begründete.

          „Linien auf Grün“ von Alexander Rodtschenko
          „Linien auf Grün“ von Alexander Rodtschenko : Bild: Boris-Jelzin-Museum

          Inmitten von Hunger und Bürgerkrieg beflügelte damals die Vision einer radikal neuen Kultur auch in Wjatka die künstlerische Intelligenzija. Futuristische Dichterstars trafen mit örtlichen Proletariern zusammen, Bibliotheken und dörfliche „Lesehütten“ erlebten einen kleinen Boom. In dem heute 15.000 Einwohner zählenden Städtchen Sowezk organisierten ein Architekt und ein Schullehrer im April 1920 eine erste Schau von moderat modernistischen Künstlern der Region wie Michail Demidow, Sergej Wschiwzew oder Alexej Denschin. Schon im November folgte eine zweite, größere Ausstellung, die noch ins achtzig Kilometer westlich gelegene Jaransk weiterwanderte, in der auch Künstler aus der Wolgametropole Kasan wie Igor Nikitin und Nikolai Feschin vertreten waren, außerdem Rodtschenko und Warwara Stepanowa.

          Abstrakte Künstler mit Aufklärungsmission

          Die noch größere dritte Schau, die in Sowezk Ende 1921 stattfand, enthielt neben Werken von Rodtschenko, Stepanowa auch solche von Kandinsky, Ilja Maschkow und dem jüdischen Konstruktivisten Jakow Pain. Sie sollte noch an sechs weiteren Orten gezeigt werden, schaffte es aber – notdürftig transportiert mit einem hölzernen Bauerngefährt, wie es auch in der Galerie des Jelzin-Zentrums steht – wieder nur bis nach Jaransk. Der Weitertransport scheiterte an elementarer Not und dem notorisch schlechten Zustand der Straßen.

          Die abstrakten Künstler, mit denen die Bolschewiken ein Zweckbündnis eingegangen waren, träumten davon, aufzuklären und Kreativkräfte freizusetzen. In Sowezk und Jaransk wurde zumal die dritte Ausstellung mit Dorfszenen von Alexander Jakimtschenko in glühenden Farben, einem Stillleben von Pain und Rodtschenkos schwarzweißen „Linien auf Grün“ ein beachtlicher Publikumserfolg. In Slobodskoi organisierte Museumsgründer Luppow zudem Mal- und Schauspielstudios. Doch die Avantgardisten, vom breiten Publikum stets skeptisch beäugt, verloren bald ihre politische Protektion. Schon 1921, das Jahr, in dem Kandinsky Russland wieder verließ, wurde die Kunstsammlung von Slobodskoi mit dem neuen Heimatmuseum zwangsvereinigt. Immerhin sind die prächtigen abstrakten Kompositionen von Rosanowa und Popowa seit der Perestrojka-Zeit immer wieder auf internationalen Ausstellungen zu bewundern.

          Die in Jaransk gestrandeten Werke der Sowezker Ausstellungen wurden erst im Jahr 1965 ins Kirower Kunstmuseum überführt, wo sie heute die Glanzstücke der Avantgardesammlung darstellen. Der Kunsthistoriker Andrej Sarabjanow, der die Schau kuratiert hat und mit ihr die Ergebnisse langer Forschungen vorstellt, fand auch im Jaransker Museum vergessene und infolge unsachgemäßer Lagerung ramponierte Gemälde aus der Sowezker Präsentation, etwa das bäuerliche „Rosa Pferdchen“ von Iwan Nikitin und einen Rückenakt von Georgi Lasarew. Beide Werke wurden restauriert und zeugen nun vom einstigen künstlerischen Schulterschluss der Metropole mit der Provinz. Im nächsten Jahr soll die „Avantgarde auf dem Bauernwagen“ nach Moskau und nach Kirow weiterziehen, Genaueres ist angesichts der Corona-Krise aber noch nicht bekannt.

          Im Jelzin-Zentrum bis 10. Januar. Der russischsprachige Katalog kostet 16,60 €.

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