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Jeff Koons in Frankfurt : Die Braut haut ins Auge

Die bekannten Heroen des Marktes

Es ist interessant, dass ein bestimmtes Künstlermilieu sich gern in die Pflicht nehmen lässt, gerade die produktveredelnden Fähigkeiten ihrer Ästhetik unter Beweis zu stellen: Takashi Murakami entwarf für den Vuitton-Konzern, der dem Kunstsammler Bernard Arnault gehört, eine Handtasche, Jeff Koons gestaltete ein Art Car für BMW. Man muss das gar nicht verurteilen; nur die hehre Rede von Archetypen, Essentialia des Menschseins und dem gemeinschaftsstiftenden Erlebnis von Ästhetik ist hier vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Das Erlebnis dieser Kunst ist so gemeinschaftsstiftend wie ein gemeinsamer Besuch im Prada-Laden, nur dass dort die ausgestellten Objekte deutlich billiger sind.

Problematisch ist etwas anderes: Die Verwandlung des Museums von einem Ort, an dem das Bürgertum seine Ästhetik immer wieder neu verhandelt, zu einem Ort, an dem man die kunsthistorische Veredelung des schrillen Geschmacks einer ökonomischen Super-Elite betreibt - und den Leuten das dann auch noch mit der Jeff Koons eigenen Psychowellnessrhetorik als neue Form von Gemeinschaftserlebnis andreht: „Archetypen werden von Millionen von Menschen gemacht. Wenn Du als Individuum Transzendenz erleben willst, musst Du Dir selbst vertrauen. Wenn Du das tust, richtest Du Dich nach innen. Und findest dort Selbstanerkennung“ - die dann zur Akzeptanz des Anderen führe. Kunst wird hier als Mittel der Selbstoptimierung und als Teil eines sektenhaften Weges zur Erleuchtung im Gemeinschaftserlebnis verkauft. Aber genau diese Form des Museums als Ort einer gemeinschaftlichen Diskussion über das, was als Kunst gilt, wird von derartigen Großereignissen ausgehebelt. Immer öfter halten Museumsdirektoren und Kuratoren nur noch mit einer höflichen Verbeugung die Tür ihrer Häuser für das auf, was vorher schon anderswo - und aus anderen Interessen - als bedeutende Kunst kodifiziert wurde. Auch die Auswahl im gefeierten neuen unterirdischen Bau des Städel präsentiert ja letztendlich, in durchaus durchwachsener Qualität, die bekannten Heroen des Marktes. Die Frankfurter Museumslandschaft wird mit ihren Präsentationen von Banksammlungen und marktkonformen Großereignissen sowohl sammlungs- wie auch ausstellungspolitisch immer mehr eingeebnet.

Autodesigner können viel lernen

Es gehört zu Max Holleins Qualitäten, dass er immer wieder Energie und Geld für ungewöhnliche, eigensinnige, kluge Ausstellungen aufbringt. Die Koons-Ausstellungen, die ein Jahr vor einer geplanten Welttournee der Koons-Werke stattfinden, sind etwas anderes - ein Schritt zur internationalen Monokulturalisierung des Ausstellungsbetriebs, in dem die immer gleichen Namen im Kreis herumgereicht werden: François Pinault zeigt in seinen Privatmuseen Palazzo Grassi und Punta della Dogana in Venedig Arbeiten von Murakami und Koons. Der ukrainische Stahl- und Medienunternehmer Victor Pinchuk vergibt den hochdotierten Future Generation Art Prize; wer ihn gewinnt, wird in seinem Fortkommen von Mentoren betreut - unter anderen von Jeff Koons und Takashi Murakami. Zum Beratergremium des Preises gehört Dakis Joannou, der als Leihgeber Koons in alle Welt bringt. Und so weiter.

Dabei hätte man gerade in Frankfurt mit den phantastischen Sammlungen der Stadt alle Voraussetzungen dafür, eigene Großereignisse zu produzieren, und ein Besuch der großartigen Antikensammlung des Liebieghauses lohnt sich allemal - auch ohne Jeff Koons. Ja: Seine Kunst ist irrwitzig aufwendig und technisch perfekt gemacht, und Autodesigner könnten von seinem obsessiven Umgang mit Lackpolituren und scheinbar fließendem Stahl viel lernen. Seine Arbeiten haben einen Effekt, allein dadurch, dass man sie schwer übersehen kann. Aber „must see“? No.

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