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Jeff Koons in Frankfurt : Die Braut haut ins Auge

Ehrgeizigere Interpreten sehen aber noch etwas anderes in Koons’ Arbeiten: einen Wunsch nach maximaler Intensität und heftigster Direktwirkung von Kunst. Diese Werke, so die Argumentation, wirkten nach Jahren nur intellektuell vermittelter Konzeptkunst endlich wieder unmittelbar physisch; jeder, so die Behauptung, werde weggeblasen vom Effekt dieser riesigen Spiegelflächen; die Arbeiten wirkten, flüsterte uns ein Schirn-Mitarbeiter andächtig zu, ohne kunsthistorische Vorkenntnisse, ganz „basal“ - durch erotische Schlüsselreize oder im Erstaunen darüber, wie zwei aufblasbare Hulk-Gummifiguren eine schwere chinesische Glocke tragen können, und auch diese Hulks, die dem Investor Nicolas Berggruen gehören, sind aus Stahl. Schirn-Chef Max Hollein betont dagegen, wie tief Koons trotzdem „in die Kunstgeschichte schürft“. Was kommt bei dieser Schürfung heraus?

Die Wolke ein Venushügel

Im Liebieghaus zum Beispiel eine meterhohe, wiederum unendlich mühsam herzustellende, weihnachtsbaumkugelhaft glänzende Stahlskulptur, die aussieht wie eine Nachbildung der Venus von Willendorf als gigantischer Luftballon. In der Schirn die Tableaus der Serie „Antiquity“: collagenhafte Bilder, in denen sich etwa eine antike Darstellung einer sandalenlösenden Aphrodite mit einer auf einem Delphin reitenden Pin-up-Darstellerin, einem abstrakt-expressionistischen Farbenrausch und einem eine Vagina andeutenden Liniensalat überlagern. Was sucht Koons in der klassischen, antiken und archaischen Kunst? „Ich glaube an Archetypen“, erklärt er in einem Interview mit der Zeitschrift „Monopol“. Es gehe im Kern um die „Erhaltung der menschlichen Spezies“. Mit „Antiquity“ wolle er „mitteilen, dass die einzige wahre Erklärung, die die Menschheit besitzt, die der Biologie ist, die Erzählung unserer Gene und unserer DNS. Jede andere Erzählung ist falsch.“ Kunst sei eine

Diese Aussagen erhellen ein Geschichtsmodell, das weniger niedlich ist als die aufgeblasenen Süßigkeiten der Populärkultur. Die strenge Behauptung, alles andere als die angeblich biologisch vorgegebene Erzählung sei schlichtweg „falsch“, ist für einen Künstler erstaunlich - jedenfalls dann, wenn man die Utopie der Kunst im emphatischen Sinne als Eröffnung eines Möglichkeitssinns, als Ausblick in eine denkbare Welt jenseits der biologisch gegebenen auffasst. Koons dagegen interpretiert seine neuen Gemälde biometaphorisch: „Wenn man genauer hinsieht“, erklärt er, „könnte die Sonne auch eine Brustwarze sein, die Wolke ein Venushügel.“

Vulgär sein ist okay

Auch seine raumhohe, erstaunlich makellose, wie aus erstarrtem Motoröl hingegossene „Metallic Venus“ - auch sie eine monumentalisierte Nippesfigur, die hier über das Format ihrer antiken Vorlage anschwillt - erscheint so in einem anderen Licht: Egal, wo eine Form entsteht, im Atelier eines griechischen Bildhauers, in einer chinesischen Plastikfabrik oder am Kiosk eines Strandverkäufers, der einen Luftballon in Schwanenform knotet - immer, so Koons’ implizite These, erzählen Formen, die uns ansprechen, die immergleiche biologische Geschichte vom Männlichen und Weiblichen.

Es geht fast immer um Sex; man muss sich nicht seines schlechten Geschmacks schämen; vulgär sein ist okay, sich selbst zum Popstar erklären ist nicht nur okay, sondern sogar Avantgardekunst, vor allem dann, wenn alles so geil teuer und aufwendig und golden ist: Es sind auch diese Botschaften, die Koons’ Kunst so attraktiv für eine sehr reiche Sammlerkaste macht. Ein französischer Luxusproduktehersteller wie François Pinault, ein zyprischer Industrieller wie Dakis Joannou (einer der Hauptsammler von Koons) oder die Oligarchen der osteuropäischen Medien- und Schwerindustrie wollen eine Kunstsammlung als Mosaikstein ihres Selbstporträts. Für diesen Bedarf sind Performance und Minimal Art nicht so interessant - erwünscht ist eine vollbusige Kunst, die glitzert und saftig reinhaut ins Auge und die neuen Oligarchen nicht mit übermäßig sperrigem Nachdenkkrempel in ihrer gutgelaunten Selbstentfaltung behindert. Dakis Joannou besitzt neben Koons die für diese Sammlerkaste übliche artverwandte Intensiveffektkunst, Arbeiten von Vanessa Beecroft (nackte Frauen), Maurizio Cattelan (Spaßskulpturen), Takashi Murakami (Riesencomic mit Speedlines). Dass die Kunst selbst in ihrer Oberflächenperfektion dem Objektcharakter jener Luxusprodukte ähnelt, mit dem viele seiner Sammler ihr Geld machten, mag zu seinem Erfolg in dieser Kollektorenkaste beigetragen haben, in der die Qualitätskategorie vom „handwerklich gut gemachten“ Kunstwerk weiterlebt.

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