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Jean Nouvel : Wenn Geysire bauen

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„Endlich, ich habe ihn verdient!“ Shirley McLaines Oscar-Ausruf könnte auch für Jean Nouvel gelten, dem jetzt die bedeutendste Architektur-Auszeichnung zugesprochen wurde. Verdient hat er sie. Erst recht, weil ihn Ehrungen nicht lähmen, sondern beflügeln.

          „Endlich, ich habe ihn verdient!“ Jetzt könnte Jean Nouvel den berühmten Oscar-Ausruf Shirley McLaines wiederholen. Denn nun hat er den längst überfälligen Pritzkerpreis. Irgendein unkonventioneller Kommentar ist gewiss, wenn er ihm am 2. Juni in Washington D.C. überreicht werden wird. Nicht umsonst begründete die Jury ihre Wahl mit der „Qualität seines unermüdlichen Unternehmungsgeistes, seiner Phantasie und dem Hang zum kreativen Experiment“. Diese Sätze fassen gehoben, was andere das beneidenswerte Savoir-vivre Nouvels nennen. Er ist berühmt und bei weniger standfesten Bauherren auch berüchtigt dafür, seine besten Ideen und kühnsten Skizzen während nächtelanger Arbeitsessen in überfüllten Restaurants zustande zu bringen.

          Und seine Fähigkeit zum Experiment gründet im Hang zu Hollywood, wo seine besten Freunde tätig sind: „Architektur sehe ich perspektivisch wie im Film.“ Seine derzeit bekannteste Schöpfung, die neue Pariser Philharmonie, die er als teils technoide, teils grüne Hügellandschaft gestaltet, ist dafür ein Kronzeuge. An Aufträgen herrscht in Nouvels 140-Personen-Büro kein Mangel. Unter den vielen Projekten sind die auffallendsten der Zweitlouvre in Abu Dhabi in Gestalt eines zyklopischen Zylinders und ein Büroturm in New York, der als glattschaftiger technoider Riese mit dem Empire State Building konkurrieren wird.

          Für Spötter ist es ein Vibrator, für Nouvel selbst ein Geysir

          Als Türmer von Rang hat Jean Nouvel sich realitiv spät empfohlen - 2006 mit dem spektakulären „Torre Agbar“ am „Platz des katalanischen Ruhms“ in Barcelona. 142 Meter ragt er, verkleidet mit quadratischen Aluminiumplatten in 25 Farbtönen, in die Höhe. Feuerrot in Erdnähe, blau, je näher er dem Himmel kommt, wird der Turm von Bewunderern als gigantische „Patrone“ und von Spöttern als „Vibrator“ bezeichnet - in keinem Urteil aber fehlt das Adjektiv „phallisch“.

          Nouvel selbst spricht von einem Geysir, seine Anhänger davon, dass der Torre nur ein architektonischer Exzentriker unter vielen sei, die Nouvels Werk ausmachen. Mit Recht: Der Bau, der 1987 dem 1945 in Fumel Geborenen zum Durchbruch verhalf, das Pariser „Institut du Monde Arabe“, ist eine Kaaba aus Glasbausteinen, die ihm in den arabischen Ländern Tür und Tor öffnete. Der radikale Umbau der Lyoner Oper mittels eines implantierten Glaskubus begründete seinen Ruhm in Europa; das Konzertzentrum in Luzern mit frei schwebendem Riesenbaldachin festigte ihn 2000. Und Deutschland kennt seine gläserne Riesenwelle der „Galeries Lafayette“ an Berlins Friedrichstraße. Pritzkerpreis? Der Mann hat ihn verdient. Erst recht, weil ihn Ehrungen nicht lähmen, sondern beflügeln.

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