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James-Simon-Galerie eröffnet : Spree-Athen at its best

Von hier oben wird man abends die Lichter Berlins im Wasser zittern sehen: Blick von der Eisernen Brücke über den Kupfergraben auf die James-Simon-Galerie Bild: dpa

Nach Jahren der Bauverzögerungen und Kostensteigerung eröffnet die James-Simon-Galerie am Eingang der Museumsinsel. Der elegante Bau von David Chipperfield ist das beste, was Berlin passieren konnte.

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          Eine „Einkaufsliste“, erinnert sich David Chipperfield, habe er von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz für die James-Simon-Galerie bekommen. Die Liste war lang: Kassenhalle, Garderobe, Vortragssaal, Ausstellungsraum, Buchladen, Restaurant, Verbindungsgang, Museumshof. Tatsächlich sah Chipperfields erster Entwurf von 2006 ungefähr so aus, als hätte jemand mehrere vollverglaste Warenkartons auf Hausgröße aufgeblasen und nebeneinander gestellt. Der Entwurf fiel bei Publikum und Preußenstiftung durch, der Architekt musste noch einmal von vorn anfangen. Irgendwann, angeblich auf einer Zugfahrt, kam Chipperfield und seinem Partner Alexander Schwarz dann die zündende Idee.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt ist die Idee nach Jahren der Bauverzögerungen und Kostensteigerungen zur Wirklichkeit gelangt, und wie jeder große schöpferische Einfall besitzt sie den Zauber der Evidenz. Chipperfield und Schwarz haben die vielen Funktionsanforderungen an die James-Simon-Galerie getreulich erfüllt und dennoch keinen Funktionsbau errichtet. Vortragssaal, Ausstellungsbereich, Bookshop, Kassenraum, das alles ist da, und doch prägt es nicht die Gestalt des Gebäudes, weil die Architekten sämtliche Nutzungen in die unteren und hinteren Bereiche verlegt haben.

          Ein Aufgang zum Tempelbezirk der Kunst

          Stattdessen sieht man, wenn man vom Kupfergraben kommt und über die Eiserne Brücke zur Museumsinsel läuft, etwas anderes: eine schlanke Pfeilerhalle, die auf mächtigem, leicht gewölbtem Sockel über dem Kupfergraben schwebt, und hinter ihr eine breite Freitreppe, die in drei großen Wellen zu einem rechteckigen Portalbau führt. Daneben, im Erdgeschoss, schließt ein von Pfeilern gefasster Innenhof bruchlos an die Stülerschen Museumskolonnaden an.

          Die Assoziationen, die der Bau heraufruft, sind ebenso dreigeteilt wie seine Struktur: eine Aussichtsterrasse, ein Balkon über der Spree; ein Propylaion, das den Eingang zum Tempelbezirk der Kunst umrahmt; ein Schlosshof, der die Paläste des Neuen und des Pergamonmuseums verbindet. Jede dieser Formgesten überspielt souverän die Zweckhaftigkeit, die der James-Simon-Galerie zugrunde liegt; und alle drei zusammen erfüllen ebenso souverän ihren wahren ästhetischen Zweck.

          Zu größtem und ewigem Dank verpflichtet

          Denn Chipperfields Bau ist die eigentliche Vollendung der Museumsinsel, knapp zweihundert Jahre nach ihrer Begründung. Durch die Galerie werden die fünf grundverschiedenen Gebäude-Solitäre erst zu einem Ensemble, einem Ganzen, das mehr ist als die Summe seiner musealen Teile. Das bedeutet auch, dass man von der Insel aus die Umgebung jetzt neu entdecken kann, und eben darin liegt die Genialität von Chipperfields Pfeilerhalle. Sie ist eine Transitzone, sie gehört zu den Museen und auch wieder nicht. Abends, wenn die Galerie geschlossen ist, wird man von hier oben auf die Lichter der Stadt und ihre Spiegelungen im Wasser schauen können: Spree-Athen at its best.

          Der Namensgeber der Galerie wird in einer Inschrift in der oberen Eingangshalle gewürdigt: „Zu größtem und ewigem Dank verpflichtet“ zeigen sich darin die Staatlichen Museen Berlin. Noch besser hätten diese Worte in Riesenbuchstaben auf der Sockelmauer am Kupfergraben gestanden, denn ohne James Simon und die anderen, vorwiegend jüdischen Stifter ihrer Sammlungen wäre die Museumsinsel heute nur eine Schwundstufe ihrer selbst. So hat der Glanz der James-Simon-Galerie, die an diesem Wochenende endlich der Öffentlichkeit übergeben wird, auch einen melancholischen Unterton. Er erinnert an eine Zeit, die in Deutschland nie wiederkehren wird, nie wiederkehren kann.

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