https://www.faz.net/-gqz-70qc5

Jahrhundertmalerin Helene Schjerfbeck : Der lange Weg zum Ich

Unfassbare Bilder: In einer überwältigenden Ausstellung feiert Finnland die Jahrhundertmalerin Helene Schjerfbeck. Sie hat sich selbst bewiesen, dass nichts verloren ist.

          3 Min.

          Als Helene Schjerfbeck 1884 eine Leinwand auf die Staffelei spannte, um ein neues Selbstporträt zu malen, hatte die Zweiundzwanzigjährige schon eine gewisse Karriere gemacht. Die Tochter eines Eisenbahnangestellten aus Helsinki, die seit einem vierjährig erlittenen Unfall hinkte, hatte früh bemerkenswertes Zeichentalent erkennen lassen. Sie hatte als Schülerin dafür Preis um Preis gewonnen, ein Bild der damals Siebzehnjährigen war von der Finnischen Kunstgesellschaft ausgestellt und angekauft worden, und ein Stipendium des finnischen Senats hatte ihr einen längeren Aufenthalt in Frankreich ermöglicht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun hielt sie fest, wie sie sich nach all dem sah: das ovale Gesicht mit dem vollen Mund und den leicht verschleierten Augen dem Betrachter zugewandt, aber desinteressiert. Wach sind Vorzeichen des Verblühens registriert, feine Linien zwischen Wange und Mund. Auch dass die Malerin wohl zu viel gearbeitet hat, teilt sich mit.

          Was tut sie da?

          Aber auch, dass sie noch eine Menge vorhat. Wer dieser Tage in Helsinki das Ateneum besucht, das prächtige Museum, das den Besucher empfängt, wenn er aus dem Portal des Hauptbahnhofs kommt, wird in einer überwältigenden Ausstellung, die Helene Schjerfbeck gewidmet ist, ständig auf die Anzeichen lebenslanger künstlerischer Unrast stoßen. Sie probiert, was geht, malt historische Szenen mit einem Hauch Pathos oder kühl distanzierte Porträts, niedliche, fein ausgeführte Kinder mit Blumen in der Hand ebenso wie die auf Konturen reduzierten Körper von Saunagängern. Menschenleere Landschaftsbilder entstehen, auch kleine Szenen, etwa ein Begräbnis in der Bretagne. Und ein feiner Kommentar zum Modesujet ihrer Landsleute, dem Nationalepos „Kalevala“, findet sich in der Ausstellung: Während zeitgenössische Maler wie der berühmte Akseli Gallen-Kallela heroische Monumentalbilder schaffen, entsteht in Helene Schjerfbecks Atelier ein Werk, das ein Mädchen vor einem Zupfinstrument – einer Kantele, auf dem sich die Kalevala-Sänger zu begleiten pflegten – mit zerrissener Saite zeigt.

          Natürlich drückt sie dem Festgehaltenen ihren Stempel auf. Da ist etwa, ein früher Höhepunkt des Rundgangs, der zwei Etagen des Ateneums umfasst, ein Ölbild von 1908: Ein Schulmädchen steht im schwarzen Kleid vor einem leergefegten Hintergrund. Um ihre Füße ein ovaler Lichtkreis wie von einem Scheinwerfer. Der leicht gesenkte Kopf ist zart und klein, die Haare hängen matt in einem Zopf nach unten, aus dem blassen Gesicht ragt eine spitze Nase, die Hände sind vor dem weiten Kleid gefaltet. Was tut sie da? Hört sie eine Lektion, eine Predigt? Hat sie sich etwas zuschulden kommen lassen? Aber was?

          Frauenköpfe wie diese haben Helene Schjerfbeck ein Malerinnenleben lang beschäftigt, wieder und wieder, oft mehrfach in ähnlicher Pose. Eine blassen Bäckerstochter sitzt matt für drei Porträts, ihr Gesicht wird durch eine knallige Orange im Hintergrund kontrastiert. Die verwitwete Mutter, die nach dem Bankrott und später dem Tod von Svante Schjerfbeck die Familie mit Textilarbeiten durchbrachte, erscheint auf den Bildern immer knochiger und in sich gekehrter. Auch das lesende Mädchen von 1907, das mit dem gegen die Lehne gestreckten Rücken distanzierte Aufmerksamkeit signalisiert, scheint die Malerin genau damit fasziniert zu haben: Dieser beharrlich Lesenden kann man nichts vormachen, sie prüft jede Zeile, jederzeit bereit, das Buch beiseitezulegen, wenn es die Erwartungen nicht erfüllt.

          Spätere Frauenbilder sind offener, die Porträtierten scheinen sich ihrer Wirkung besser bewusst zu sein, sie erwidern den Blick des Betrachters oder flirten sogar etwas mit ihm. Und trotzdem ist keine von ihnen ohne Geheimnis – nicht jenes andere Schulmädchen von 1928 mit breitem roten Mund, skeptischem Blick und Bubikopf. Oder das dreimal in derselben Haltung, aber mit unterschiedlichen Mitteln gemalte, im Sand kniende Mädchen, das im flirrenden Licht beinahe wie eine Fata Morgana erscheint.

          Keine Eitelkeit

          Die hier versammelten wenigen Männerbilder fallen dagegen ab. Manche sind direkt dem Genre entnommen, etwa ein grell kostümierter Kosake ohne weitere individuelle Züge. Ein enger Freund und ein Neffe der Malerin werden dargestellt, reichen aber kaum an die fesselnden Frauenbilder heran.

          Schon gar nicht an die Selbstporträts, die den größten Schwerpunkt dieser Ausstellung bilden. Etwa vierzig davon sind im Lauf von Helene Schjerfbecks knapp 82 Lebensjahren entstanden. Ihre Hinwendung zum eigenen Gesicht besitzt keinen Hauch von Eitelkeit: Die Malerin ist erkennbar viel eher daran interessiert, sich selbst auf die Schliche zu kommen, als irgendetwas zu schönen. Schon ein über den langen Zeitraum von 1913 bis 1926 entstandenes Selbstporträt lässt die Knochen in einer Weise durchscheinen, dass es unerbittlich die Sterblichkeit der Malerin betont.

          Am Ende, in den dreißiger und vierziger Jahren, malt sich die Greisin noch einmal in einer umfangreichen Serie von Bildern, die immer karger werden, wie um sich zu beweisen, dass nichts verloren ist, immer noch etwas geht. Und doch halten diese unfassbaren Bilder geradewegs die Auflösung fest. Mund und Nase verrutschen, die Augenhöhlen werden größer und leerer, in einer Kohlezeichnung von 1945 meint man nun die schiere Todesangst zu lesen. Dass all dies unter den Vorzeichen strengster Selbstprüfung geschieht, ist ein mittleres Wunder. Und ein artistisches Ereignis.

          Weitere Themen

          Ist klassische Musik „systemrelevant“?

          Corona-Hilfen : Ist klassische Musik „systemrelevant“?

          Corona hat die klassische Musik hart getroffen. Konzerte fallen aus, Künstler können nicht auftreten. Entscheidend für Hilfsmaßnahmen ist die Frage, wie schützenswert die Klassik ist.

          Spekulationen um neue Atomwaffentests Video-Seite öffnen

          Nordkorea : Spekulationen um neue Atomwaffentests

          Laut eines Berichts seien mehrere Staaten seien zu der Schlussfolgerung gekommen, dass Nordkorea wahrscheinlich sehr kleine Nuklearwaffen entwickelt habe. Die nordkoreanische Führung lässt sich nicht in die Karten schauen.

          Topmeldungen

          Ein Soldat des libanesischen Militärs schaut auf den Ort der Explosion in Beiruts Hafen

          Libanon : Mehr als 70 Tote und 3000 Verletzte bei Explosion in Beirut

          Der Libanon steckt derzeit in einer seiner schwersten Krisen seit Jahrzehnten. Mitten in diesen politischen Turbulenzen kommt es am Hafen von Beirut zu einer gewaltigen Explosion. Verantwortlich gewesen sein könnte eine Lagerhalle mit Ammoniumnitrat sein.
          SPD-Politiker Kevin Kühnert

          SPD-Führung : Kühnert auf dem Weg

          Kevin Kühnerts Ziel, der Bundestag, ist der beste Weg, um die SPD-Führung weiter rutschen zu lassen. In wessen Richtung? Dumme Frage.
          Noch eine reine Idylle, soll sie bald für den nächsten „Mission: Impossible“-Teil von Tom Cruise in die Luft gesprengt werden: Die majestätisch in dreißig Metern Höhe über den Bober schwingende Stahlfachwerkbrücke des Ingenieurs Otto Intze von 1905.

          Cruise bedroht Brücke : Was die Wehrmacht nicht schaffte

          Mission: Unmöglich! Tom Cruise will für seinen neuen Film eines der schönsten Brückenmonumente Polens sprengen. Wenn er damit durchkommt, wäre das ein Skandal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.