https://www.faz.net/-gqz-9kmgy

Jackson-Ausstellung in Bonn : „Es wäre einfacher, wenn er noch am Leben wäre“

Überhöhung oder Ironie? David LaChapelles „The Beatification: I’ll never let you part for you’re always in my heart“ Bild: David LaChapelle

In der Ausstellung „Michael Jackson: On The Wall“ soll ab Ende März zu sehen sein, wie Künstler den Popstar zur Ikone stilisierten. Und die Missbrauchsvorwürfe? Gehören ins Begleitprogramm, sagt Rein Wolfs, Intendant des Bundeskunsthalle.

          Herr Wolfs, wäre es Ihnen gerade lieber, wenn Sie Ihre Jackson-Ausstellung schon ein paar Monate früher angesetzt hätten?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Frage, was mir lieber wäre, stellt sich ja nicht, so ist es nun und die Dinge sind nicht immer einfach. Wir haben hier mit einem Fall zu tun, der eine Weile aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden war. Die Thematik ist aber wichtig und hat eine große emotionale Wirkung, man kann nicht einfach daran vorbei. Das möchte ich auch nicht.

          Nach Ausstrahlung der HBO-Dokumentation über die Missbrauchsvorwürfe haben Sie erklärt, dass die Vorwürfe keine Auswirkungen auf das Konzept der Schau haben. Warum?

          Wir können die Ausstellung als solche nicht komplett ändern. Es geht nun einmal um den Niederschlag der Figur Michael Jackson in der Kunst. Wir wollen keine einzelnen Werke herausnehmen. Sie sollen auch nicht aus der Geschichte gestrichen werden. Die Debatte werden wir anders thematisieren, nämlich textuell und diskursiv, um unsere Haltung dazu klar machen. Es wird Podiumsdiskussionen geben und Live Speaker, also Ansprechpartnerinnen und -partner direkt in der Ausstellung, die das Gespräch mit den Besuchern suchen.

          Welche Haltung vertritt das Museum denn?

          Die Vorwürfe sind schockierend und wir nehmen sie ernst. Sie werfen ein anderes Licht auf die Person, mit der sich die ausgestellte Kunst beschäftigt. Bislang haben wir es aber noch mit Vorwürfen zu tun. Die letzte juristische Entscheidung liegt weit zurück, damals wurde Jackson entlastet.

          Die Werke, die Sie zeigen, überhöhen Jackson aber als Ikone.

          Nicht ausschließlich. Es gibt auch kritische Positionen. Die überspitzte Überhöhung wandelt sich immer wieder ins Ironische, wie zum Beispiel bei dem amerikanischen Künstler Kehinde Wiley, der Jackson zum auf einem Pferd sitzenden und von Engeln begleiteten Herrscher stilisiert. Werke wie diese stecken voller kunsthistorischer Bezüge, sie spielen mit dem Hype.

          Rein Wolfs ist seit 2013 Intendant der Bundeskunsthalle in Bonn

          David LaChapelle hat Jackson als Erzengel dargestellt, Maggi Hambling stilisiert ihn zum Opfer. Ist das auch Ironie?

          Es gibt viele mögliche Interpretationen. Ich halte es für sinnvoll, diese Mehrdeutigkeit im Gespräch zu debattieren. Wir werden die Kontroverse am Eingang der Ausstellung auch textlich aufgreifen.

          Das Argument, die Ausstellung behandle ja nicht Jacksons Leben, sondern seinen Einfluss auf die Kunst, klingt im Fall eines Popstars, der zum Gesamtkunstwerk stilisiert wurde, merkwürdig.

          Man kann beide Aspekte nicht komplett voneinander trennen, das sehen wir ein. Es ist ja nicht der erste Fall dieser Art, und doch ist jeder Fall anders. In der Geschichte gibt es viele Künstler mit ambivalenten Lebensläufen – was erst einmal grundsätzlich nichts entschärft. Aber bei den Ausstellungen, die abgesagt wurden, haben wir es mit anders gelagerten Fällen zu tun, wie zuletzt etwa die Fotoausstellung zu Bruce Weber in den Hamburger Deichtorhallen. Der Fotograf Weber ist nach wie vor aktiv und die Ausstellung sollte seine Werke zeigen. Werke, die auch Teil des Vorwurfs an ihn waren. In unserem Fall geht es aber um eine Ausstellung mit Werken anderer Künstler, die auf Jackson reflektieren.

          Wäre es etwas anderes, wenn Jackson der Künstler wäre, den Sie zeigten, nicht das Thema?

          Auf jeden Fall. Es geht in der Ausstellung weder um die Biografie noch direkt um das Werk von Michael Jackson, sondern um den Widerhall des „Phänomens Jackson“ in der zeitgenössischen bildenden Kunst. Wir hatten in der Bundeskunsthalle eine Kirchner-Ausstellung, bei der der Kontext eine große Rolle spielte, weil Kirchner im Umfeld der Expressionisten pädophile Neigungen auslebte und den kolonialherrschaftliche Umgang mit anderen Kulturen unkritisch verarbeitete. Das haben wir auch thematisiert. Auf Kirchner können wir aber mit einem historischen Abstand von hundert Jahren zurückblicken. Der Jackson-Fall ist unmittelbarer. Gleichzeitig ist er schon verstorben. Es wäre einfacher, wenn er noch am Leben wäre – dann könnte man ihn in den Diskurs einbeziehen.

           „On The Wall“ ist eine Wanderausstellung, die vorher in der National Portrait Gallery in London zu sehen war. Welchen kuratorischen Anteil hatte die Bundeskunsthalle?

          Wir sind vor zwei Jahren in das Projekt eingestiegen und haben gemeinsam über den Fokus diskutiert. Einige Werke, die wir in Bonn zeigen, waren in London noch nicht zu sehen, zum Beispiel eine Skulptur von Paul McCarthy, die Jackson mit einem Äffchen auf dem Schoß zeigt. Ansonsten haben wir den Fokus beibehalten.

          In London wurde die Ausstellung positiv aufgenommen. Womit rechnen Sie jetzt, auch bei den geplanten Diskussionsveranstaltungen?

          Das Publikum ist immer die große Unbekannte. Live-Begleitveranstaltungen laufen so ab, dass sich viele Haltungen erst im Gespräch entwickeln. Wir haben es ja mit einer gesellschaftlichen Problematik zu tun, keinem Einzelfall. Der Fokus liegt auf dem Umgang mit Instrumentalisierung und Missbrauch. In solchen Momenten hat die Kultur einen beispielhaften Anteil am Zeitgeschehen. Sie kann dazu führen, dass der Blick in Zukunft geschärft wird.  

          Glauben Sie, dass die Menschen nach dem Besuch der Ausstellung mit einem anderen Bild von Michael Jackson aus dem Museum kommen?

          Wenn wir daran nicht glauben würden, hätten wir die Ausstellung nicht vorgesehen.

          Michael Jackson: On the Wall - 22. März bis 14. Juli in der Bundeskunsthalle in Bonn

          Weitere Themen

          Soll Geschichte ausgelöscht werden?

          George-Washington-Fresko : Soll Geschichte ausgelöscht werden?

          Als Victor Arnautoff 1936 dreizehn Fresken über das Leben George Washingtons für eine High School schuf, illustrierte er auch die Schattenseiten des amerikanischen Säulenheiligen. Darüber ist nun ein erbitterter Streit entbrannt.

          Topmeldungen

          „Verschrotter“ gegen „Planierraupe“: Renzi am Dienstag im italienischen Senat

          Regierungskrise in Italien : Im Land der wilden Matteos

          Italiens früherer Ministerpräsident Renzi wittert in der Regierungskrise die Gelegenheit für ein Comeback – und versucht nun, die Neuwahlpläne seines Erzfeindes Salvini zu durchkreuzen. Der Publizist Massimiliano Lenzi prophezeit einen „langen Krieg der Matteos“.
          Für ein geeintes Deutschland: Demonstranten bei der Montagsdemonstration am 12. März 1990 in Leipzig

          Vor Wahlen in Ostdeutschland : Warum wir das „Labor Sachsen“ im Blick haben sollten

          Die Erfahrung mit tiefgreifenden Brüchen und Strukturwandel ist eine Ressource, die immer wichtiger wird. Die Sachsen mit ihren gebrochenen Biographien haben – wie andere Ostdeutsche auch – an dem Punkt mehr einzubringen als nur eine für viele beunruhigende Parteienlandschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.