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Jack Whitten-Ausstellung : Eine neuartige Methode der Malerei

  • -Aktualisiert am

Wie ein digitales Mosaik: Eine Frau betrachtet Jack Whittens „Apps for Obama“ Bild: AP

Das muss man sehen: Der in Europa unbekannte amerikanische Künstler Jack Whitten eröffnet der Malerei mit seiner Berliner Ausstellung eine neue Dimension – mit angetrockneten Farben.

          Etwas so Absonderliches wie die Bilder von Jack Whitten hat man seit langem nicht gesehen. Der Maler ist bei uns noch gänzlich unbekannt. Doch das wird sich ändern, denn jetzt sind dreißig seiner Bilder zum ersten Mal in einem europäischen Museum zu sehen, im Hamburger Bahnhof in Berlin. Hier öffnet sich, was sonst nur selten vorkommt, eine neue Dimension der Malerei. Davon zeugt bereits die Reaktion des Publikums. Viele sind verblüfft und auch ein wenig ratlos, manche gehen nah an die ausgestellten Arbeiten heran, um ihre Machart zu ergründen, nicht selten lacht auch jemand laut heraus, und einige sind so perplex, dass sie das Wort an gänzlich Unbekannte richten, um zu verstehen, was sie da sehen.

          Vom Vorraum sieht man in der großen Halle als Erstes eine Arbeit aus dem Jahr 2011. „Apps for Obama“ steht auf dem Schild daneben sowie „Acryl auf Hohlkerntür“. Der Bildträger ist also ein Fabrikprodukt, das man im Baumarkt kaufen kann. Dieses ursprünglich für ganz andere Zwecke vorgesehene Objekt hat Whitten mit Acrylfarbe bedeckt. Acrylfarbe wurde in den sechziger Jahren populär. Sie ist wasserlöslich, und sie trocknet schnell. Wer einen Rest in einer Büchse offen stehen lässt, findet am nächsten Tag einen zähen und erstarrten Bodensatz.

          Jack Whitten brachte das auf eine folgenreiche Idee. Er schnitt die Farbmaterie in kleine Stücke, die er dann, fast so wie kurze Pinselstriche, nebeneinandersetzen konnte, um Bilder zu erzeugen. So erfand er eine neuartige Methode, Farbe nicht, wie üblich, nur im flüssigen Zustand zu verwenden, sondern als bereits getrocknete.

          Bilder, die wie digitale Mosaike wirken

          Das ist naturgemäß nur praktikabel, wenn von allen benötigten Tönen hinreichend viele Partikel zur Verfügung stehen. Nur dann lässt sich die farbige Gestaltung einer Fläche nicht mehr nur analog und als Kontinuum realisieren, sondern auch digital: als Arrangement von separaten Pixeln. Bekanntlich versuchte schon Seurat, die nahtlose Modulation der Farbe durch ein Nebeneinander von getrennten Pünktchen zu ersetzen. Und auf der Kombination von einzelnen, getrennten Elementen beruht auch die alte Kunst des Mosaiks.

          Jack Whitten „Saint Louise AKA The Tittie Painting for Louise Bourgeois“, 2010, Acrylcollage auf Leinwand Bilderstrecke

          Doch mit dem Hinweis auf diese beiden Verfahren kann man die Besonderheit der Bilder von Jack Whitten nicht erklären. Das wird schon an den „Apps für Obama“ klar. Man glaubt, man sähe eine Wand aus hell- und mittelblauen Fliesen, so wie man sie aus Hotelzimmerduschen und Schwimmbädern kennt.

          Hier stellt die geflieste Oberfläche aber ihrerseits geflieste Oberflächen dar. Im unteren Teil des Bildes sieht man das perspektivisch verkürzte Grundquadrat eines virtuellen Raumes, der sich nach oben hin immer stärker abflacht. Vor dieser Kulisse schweben auf sechs waagerechten Zeilen vierunddreißig emblematische Objekte, die meisten nahezu quadratisch, nur an den Ecken etwas abgerundet, andere unregelmäßig oder auch kreisrund. Sie sehen aus, als wären sie aus weicher Gelatine, und einige erinnern an transparente Kunststoffbehälter mit langsam verderbenden Lebensmitteln.

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