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Jack Whitten im Met Breuer : Die Rasierklinge im Gesicht

Homage To Malcolm, 1965 Bild: Met Breuer/Jack Whitten

Das Met Breuer in New York stellt Jack Whittens nomadische Skulpturen aus. Seine Monolithen erzählen von einer Odyssee durch Kulturen, Zeiten und segregierte Welten.

          3 Min.

          Glatt geschmirgeltes und poliertes Holz in organischen Formen, durchtrieben von Nägeln manchmal, mit Drahthaaren durchzogen, an Vogelmasken erinnernd oder an Hausgeister, die andere Geister vertreiben sollen, an rituell verwendete Figuren, mehr oder weniger konkret in Antlitz und Gestalt: Die Skulpturen des Malers Jack Whitten, die das Met Breuer unter dem Titel „Odyssey“ auf einer Etage ausstellt, erinnern einen sofort an etwas, was aber sperrig bleibt – afrikanische Kunst aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, denkt man, oder doch Ausgrabungen im Mittelmeerraum aus der Bronzezeit?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Darum geht es. Jack Whitten, der von 1939 bis zum Januar 2018 lebte, hatte eine wahrhaft kosmopolitische Vision der Kunst. Deshalb durchläuft man die Ausstellung mit einem Gefühl zunehmender Befreiung, einer Befreiung von Zuschreibungen, von Polaritäten, von Feindseligkeit auch, die hier ständig um einen ist, auch wenn sie andere meint als einen selbst.

          Es floh nach New York

          In dieser Ausstellung herrscht der Geist einer Erkundung in die Kulturen und Zeiten, vertieft durch das Nebeneinanderstellen von Whittens Kunst mit Objekten aus Sammlungen afrikanischer, kykladischer und minoischer Kunst, Objekten also, deren Entstehung teilweise drei- oder auch viertausend Jahre auseinanderliegt und die man entdeckt, wenn man um die erste Ecke biegt. Der unmittelbare Eindruck täuschte also nicht. Die Spuren der einen wie der anderen Welt durchziehen Whittens Kunst.

          Und das kam so: Jack Whitten, geboren in Alabama, war überzeugt davon, der Rassismus dort würde ihn zum Mordopfer oder auch zum Mörder machen. Deshalb floh er nach New York. Es waren die sechziger Jahre, und auch New York war segregiert. Die weißen Künstler um Barnett Newman lebten Downtown, die schwarzen, Jacob Lawrence etwa, Uptown in Harlem.

          Whitten war einer der wenigen, wenn nicht der Einzige, der zwischen diesen völlig voneinander abgeschiedenen Welten wanderte. Auch deshalb heißt die Ausstellung „Odyssee“. Aber auch, weil Whitten 1969 Griechenland, vor allem Kreta für sich entdeckte und seitdem dort die Sommer verbrachte. In New York malte er, war anerkannt, stellte aus. Auf Kreta schnitzte er, polierte, machte aus Materialien, die er dort fand, aus Muscheln, Pferdehaar und Holz, zum Beispiel des dunklen Maulbeerbaums, die spielerischsten, erfinderischsten Gebilde – für sich, für seine Familie, für seine Freunde. Nicht für die Öffentlichkeit. Nicht für den Markt. Auch deshalb ist diese Ausstellung so besonders. Wir alle sehen diese Skulpturen zum ersten Mal (in New York genau genommen zum zweiten Mal: Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum in Baltimore).

          Wurzeln sind temporär

          Die Erfahrung der Diaspora ist diesen Skulpturen eingeschrieben, aber nicht nur im Sinn einer Entwurzelung, sondern im Sinn von: Wurzeln an verschiedenen Orten schlagen. Die Sklaverei, so hat es Whitten einmal formuliert, hat das Ortsgefühl der Schwarzen vernichtet. Sie mussten sich ein neues Gefühl für Orte schaffen, indem sie ihr afrikanisches Erbe reklamierten. Wurzeln aber, davon war Whitten (wie auch Édouard Glissant, dem er ein Bild gewidmet hat) überzeugt, vervielfältigen sich. Sie kommen nicht immer aus einem Stamm, und sie sind temporär, je nachdem, wohin die Reise geht, die physische, die spirituelle, die künstlerische. Auch deshalb gehört die ganze Kunst der Welt den schwarzen Künstlern – nicht nur, weil sie schwarz waren, sondern weil sie Künstler waren.

          Ralph Ellison, der Schriftsteller und Autor des „Invisible Man“, trägt in Whittens Hommage an ihn dort, wo möglicherweise sein Mund sein könnte, eine Rasierklinge. Möglicherweise – denn es handelt sich bei diesem riesigen Bild, das gemacht, nicht gemalt ist, um ein Monument der Erinnerung, wie es Jack Whitten für eine ganze Reihe von Menschen geschaffen hat, die einerseits historische Figuren und gleichzeitig persönliche Helden für ihn waren. Muhammad Ali. Maya Angelou. James Baldwin. Jacob Lawrence. Und es ist keineswegs ein Porträt, sondern eine abstrakte Landschaft mit unregelmäßiger Oberfläche, hell mit einer sehr dunklen Mitte, möglicherweise einem Kopf.

          Ein spiritueller Mann

          Die Serie der „Black Monoliths“, zu der das Ralph-Ellison-Bild gehört und die hier vollständig ausgestellt ist, kann man als vom Künstler immer weiter geführtes Memorial sehen. Es gibt ein Foto, das die Landschaft hinter Whittens Sommerhaus auf Kreta zeigt – eine unbewohnte hügelige Landschaft, mit Bäumen und Sträuchern bewachsen und in der Mitte ein schwarzer Monolith. Ein Fels, der vom Himmel gefallen scheint, unverrückbar, jedenfalls in unserer Zeit.

          Whitten war ein spiritueller Mann, und dieser Monolith wurde für ihn Vorbild für diese gemachten, nicht gemalten Denkmäler, die er in seiner Kunst den großen Figuren der afroamerikanischen Kultur setzte. Dazu benutzte er, was er fand: Kronkorken, Sand, Salz, Kohle, Kupfer, Asche, Schokolade und Zwiebeln, Eierschalen, Kräuter und Acryl, und brachte diese einzelnen Zutaten als Mosaik auf eine Leinwand auf. In ihrer Mitte eine dunkle Form, die wie eine Büste aussieht. Und in deren Mitte wiederum: die Rasierklinge.

          Vor vierzig Jahren bereits schrieb Whitten, die westliche Welt sei an ihr Ende gekommen. Die Menschheit müsse von nun an ihre Energien zusammenführen und in einer vereinten Anstrengung fürs Überleben der Spezies kämpfen. Sein Mittel war die Kunst. Das Wandern zwischen den Kulturen und den Zeiten, die Richtung wechselnd, den Blick nach vorn gerichtet, zu den Seiten hin und immer wieder auch zurück. Wenn man in New York eine Weile mit ihm geht, scheint diese Art zu wandern auch heute ein guter Ausgangspunkt für die Rettung der Welt.

          Odyssey: Jack Whitten Sculpture. 1963–2017. Im Met Breuer, New York; bis zum 2. Dezember. Der Katalog kostet umgerechnet 48 Euro.

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