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Istanbul-Biennale : Moleküle gegen Staaten

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Eva Kot’atkovas raumfüllende Installation „Maschine zur Wiederherstellung von Empathie“ (2019) auf der Istanbul Biennale
Eva Kot’atkovas raumfüllende Installation „Maschine zur Wiederherstellung von Empathie“ (2019) auf der Istanbul Biennale : Bild: EPA

In eine der Werfthallen am Goldenen Horn, die gerade nach hundert Jahren Dornröschenschlaf entwickelt werden, ließ Bourriaud eine Ausstellungsarchitektur in Form einer riesigen Doppelhelix bauen. Als er Anfang August wiederkam, musste das Gelände geschlossen werden: Bei der Asbestsanierung hatte sich das Gift über die Umgebung verteilt. Das ist nicht ohne Ironie, einerseits, weil Bourriaud eine Besessenheit von Molekülen an den Tag legt, vom „Biokapitalismus“ spricht und davon, wie wir immer empfindsamer gegenüber Bakterien werden; und andererseits, weil er, wie so viele Kuratoren in den vergangenen Jahren, den Begriff des Anthropozäns vor sich herträgt, der das Erdzeitalter meint, in dem der Mensch zur entscheidenden Naturgewalt geworden ist. Das Anthropozän, das ist der Flughafen, das sind die Baufahrzeuge, die das neue Museum errichten, das ist das Asbest, und das ist auch der misslungene Museumsneubau, in den die Biennale nun umziehen musste, und der die superflexible Struktur aus Wellblechkabinen der Biennale von 2011 in ein starres Wabenhaus übersetzt hat, mit ganz viel nicht nutzbarem Raum dazwischen.

Die Allverfügbarkeit digitaler Information

Nun, da die Kunstwerke keine Chromosomen an der kuratorischen Doppelhelix mehr sein können, liegt ihre Informationsarmut offen zutage: Der geborene Cottbuser Philip Zach lässt sich mit Handkamera die Schäden erklären, die Filmproduktionen in der archäologisch bedeutenden Yarimburgaz-Höhle bei Istanbul hinterlassen haben. Müge Yilmaz präsentiert eine „Archäologie der Zukunft“ mit einem Kreis aus Steinen und Wasserkanistern und frei an Höhlenmalerei und indigene Kunst angelehnten, CNC-gefrästen Phantasiewesen. Suzanne Husky lässt in einem Film die ökofeministische Schriftstellerin Starhawk mit Trommel eine Meditation anleiten. Und Agnieszka Kurant übersetzt einen Algorithmus, der es erlaubt, Stimmungslagen auf Twitter zu analysieren, in ein abstraktes Airbrush-Gemälde. Außerdem hat sie unerklärlicherweise Kunsteditionen von Joseph Beuys, Carsten Höller, Carol Bove und Richard Prince zu einem Metallklumpen verschmolzen.

Alles ist diesen Künstlern verfügbar, alles wird ihnen Material und Werkzeug, ohne dass sie einmal bei der entscheidenden Frage innehalten: Was ist meine eigene Beziehung zu diesem Material? Wie sträubt das Material sich gegen die wohlfeilen xenofeministischen Thesen an der Wand? Und wie sähe eine Kunst aus, die nicht der Allverfügbarkeit digitaler Information erliegt, sondern sie bricht und ein Verhältnis zu dem eingeht, was wirklich da ist? So wie Jonathas de Andrade, der Fischer der Amazonas-Völker Piaçabuçu und Coruripe filmt, wie sie ihre Beute tröstend an der Brust halten, streicheln wie ein Cello und küssend in den Tod begleiten.

In weiten Teilen ist diese Biennale frei von jeder Idee von Qualität und jeder anderen als inhaltliche Frage an die Kunst, und die meisten Werke sind so selbstvergessen wie die neuen türkischen Bauprojekte, sie sind ihre Kehrseite, indem sie Zeugnisse von Zerstörung und Gewalt und Schuld aufeinandertürmen.

Simon Fujiwara: „It’s a Small World“, 2019
Simon Fujiwara: „It’s a Small World“, 2019 : Bild: Simon Fujiwara, Istanbul Biennale, Sahir Ugur Eren

Außer zum Beispiel der Raum, in dem der Brite Simon Fujiwara der gelenkten Demokratie, die ihre Bürger mit Vergnügungen umschmeichelt, einen entlarvenden närrischen Doppelgänger gebaut hat: Vor einer Werkstatt für Vergnügungsparkskulpturen fand er Ausschussware an Disney- und Simpson-Köpfen, um die herum er hoch detaillierte Modelle von Strafanstalten, Exerzierplätzen, Fitnessstudios, Beerdigungsinstituten und Museen baute, inklusiver kleiner Jeff Koons und Yayoi Kusamas. Man verliert sich immer tiefer in den immer wiederkehrenden Modellfiguren, während in Schleife Disneys „It’s a Small World“ dudelt, bis man Angst hat, nicht mehr hinauszufinden. Um dann zu merken, dass man wirklich nicht hinausfindet.

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