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Istanbul-Biennale : Moleküle gegen Staaten

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René Block
René Block : Bild: DAVIDS

Damit ist die Sammlung auch ein Porträt ihres Begründers, des Berliner Kurators René Block, der mit schlohweißer Aureole am Frühstückstisch mit Blick über das Goldene Horn sitzt, zusammen mit seiner Frau Ursula. Beide sind so stille, bescheidene Leute, dass nur wenige wissen, dass sie früh mit Gerhard Richter, Sigmar Polke oder Joseph Beuys arbeiteten, sie brachte Platten und Noten heraus, er Künstlereditionen, von denen er in den Sechzigern nicht ahnen konnte, wie wertvoll sie mal würden. Als er in den Neunzigern begann, Konzeptkunst aus der Türkei zu kaufen, „da war es, als würde ich noch mal neu anfangen“. Er war dann fast der Einzige, der bewahrte, was heute als zeitgenössische türkische Kunst bekannt ist. Nachdem er im Auftrag die Sammlung der Koç-Stiftung um zeitgenössische Kunst erweiterte, verkaufte er ihr auch einen Teil seiner Sammlung und schenkte noch mal denselben Teil dazu.

Das Museum Arter im Arbeiterviertel Dolapdere
Das Museum Arter im Arbeiterviertel Dolapdere : Bild: Cemal Emden

Man kann diese Kunst auch trocken finden, und auch den Museumsbau, der mit schwarzem Granit und Geländern aus gebürstetem Aluminium die Kühle einer Versicherungszentrale ausstrahlt. Auch die Fassade mit ihren leicht gegeneinander gedrehten weißen Arabeskenfronten sieht eher solide aus als nach Aufbruch. Ganz offenbar geht es hier auch darum, die Bildsprache der Staatsregierung weniger zu überbieten als zu unterlaufen, wofür auch die Wahl des Londoner Architekturbüros Grimshaw spricht. Einerseits kennt Direktor Melih Fereli „Sir Nicholas“ Grimshaw noch aus seiner Zeit als Leiter des Londoner Philharmonia Chorus, andererseits hat Grimshaw auch den neuen Flughafen gestaltet, was ebenfalls die Angriffsfläche verkleinert. Fereli jedenfalls, der 71-jährige Musiker und Mathematiker, schwärmt von einer „Renaissance“ der Kunststadt Istanbul und ist zuversichtlich, dass, beginnend auf regionaler Ebene, ein Politikstil der Kooperation, so nennt er es, das Land erfassen kann. Er hat im Vorfeld allen Nachbarschaftsvertretern persönlich die Museumspläne erläutert, hat seine Mobilnummer verteilt und kostenlose Mitgliedskarten. Zur Eröffnung am Montag kamen der Kulturminister und der Patriarch. Später wurden unter Johlen und Applaus Dutzende Baumwolltaschen mit dem Konterfei des seit Oktober 2017 in Haft sitzenden Leiters der Stiftung Anadolu Kültür in die Luft gereckt, Osman Kavala, dem gerade der Prozess wegen angeblicher Organisation der Gezi-Proteste gemacht wird. Am Dienstagabend geschah auf der Eröffnung der Istanbul-Biennale das Gleiche.

Der Künstler als Schäfer der Bilder

Seitdem René Block 1995 die Istanbul-Biennale kuratierte, war sie lange eine der wichtigsten weltweit. Vor zwei Jahren flog während Erdogans Säuberungswelle kaum noch eine ausländische Museumskuratorin ein. Jetzt kommen sie wieder. Die Kunst steht hier in noch größerem Gegensatz zur Bildsprache der Regierung als die im Arter. Kurator Nicolas Bourriaud verkündete in den neunziger Jahren unter dem einflussreichen Stichwort „Relational Aesthetics“ die Auflösung des Werks in soziale Beziehungen. Jüngst weitete er seine Theorie auf alle Dinge aus, spricht vom Kunstwerk als „Signal, ähnlich denen, die alle lebenden Organismen abgeben“, von zeitgenössischer Kunst als „Terminal“, in dem diese Signale dekodiert würden, und vom Künstler als „Christoph Kolumbus“, der den „siebten Kontinent“ aus Müll erforschen solle, der im Meer treibt und von dem aus sich eine Zukunft entwerfen ließe, in der zwischen Natur und Kultur nicht mehr getrennt würde. Auch eine Bildverschmutzung sieht Bourriaud, „der Künstler wird deshalb vom Produzenten zum Schäfer, der eine Herde aus Bildern hütet“, und dass das sehr pastoral klingt, darüber muss er dann auch lachen, was ihn seinen Gedanken allerdings nur noch mehr lieben lässt.

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