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Istanbul-Biennale : Moleküle gegen Staaten

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Die Koç Holding verdient ihr Geld mit allem, von Haushaltsgeräten bis Panzern, seit 2009 verfügt sie über die Mehrheit an Grundig. Die Stiftung unterstützt indes medizinische Forschung, Schulen und Kulturprojekte auch über die Türkei hinaus und ist Hauptsponsor der 1987 gegründeten Istanbul-Biennale, die ebenfalls in dieser Woche zum 16. Mal eröffnet hat. Sie musste in letzter Minute in den gerade erst fertigen Neubau des Museums der Kunstuniversität am alten Hafen ziehen. Durch die Glasfassade geht der Blick auf die nächste Großbaustelle nebenan, wo der Neubau der Istanbul Modern entsteht, dem 2004 eröffneten Museum für moderne Kunst, das auf einer anderen großen Familienstiftung gründet, der der Eczacibaşis.

Überflüssige Dienstwägen der AKP, ausgestellt von der Stadtverwaltung unter dem neuen Bürgermeister Ekrem Imamoglu von der CHP
Überflüssige Dienstwägen der AKP, ausgestellt von der Stadtverwaltung unter dem neuen Bürgermeister Ekrem Imamoglu von der CHP : Bild: Reuters

Doch die größte Ausstellung hat letzte Woche der neue Bürgermeister Istanbuls, Ekrem Imamoglu, eingerichtet: Auf dem gewaltigen Aufmarschplatz am Hafen Yenikapi, auf dem Erdogan seine Kundgebungen veranstaltete, um die Erinnerungen an den Gezi-Park zu überschreiben, ließ Imamoglu Hunderte überflüssige Dienstwagen parken, die die Verwaltung seines Vorgängers gekauft oder geleast hatte. Anschließend schickte er sie an die Leihfirmen zurück. Um es in der Sprache zeitgenössischer Kunsterklärtexte zu sagen: Ekrem Imamoglus temporäre ortsspezifische Installation untersuchte die Aktualität des Readymades, um auf brisante Themen wie Verschwendung, Korruption und den Missbrauch öffentlichen Vertrauens hinzuweisen.

Dass nach Ankara auch Istanbul von der AKP an die CHP ging, hat die Stimmung unter kulturell interessierten Bürgern spürbar verbessert. Von Tauwetter will aber noch niemand sprechen, es herrschen schlicht neue Frontverläufe, ständig beschneidet die Zentralregierung Zuständigkeiten, binnen eines Tages hat sie zum Beispiel der Stadt den Topkapi-Palast entrissen. Imamoglus Auto-Ausstellung war also nur ein kleiner Etappensieg im Kampf um die öffentliche Meinung.

Ayşe Erkmen: „Blue Stone“ (2019) im neuen Museum Arter
Ayşe Erkmen: „Blue Stone“ (2019) im neuen Museum Arter : Bild: FluFoto

Die Wand kommt näher

Die Kunst im neuen Arter-Museum ist im Vergleich zu Imamoglus großer Geste bescheiden. Sie wirkt wie die Leute, die auf Partys schüchtern am Rand stehen und mit ehrlichem Interesse die Bücherregale studieren. Und doch ist sie ihr verwandt, sucht sie doch die Stellen, an denen die Oberflächenspannung zwischen Kunst und Nicht-Kunst am größten ist: Sigmar Polkes Schemel mit Motor, der eine Kartoffel um eine andere rotieren lässt. Ein Weißwandreifen von Allan Kaprow. Eine Fahrradfelge von Roman Signer. Sicherheitsschleusen am Eingang zu Ayşe Erkmens Ausstellung, die fiepen, aber Kunstwerke sind. Drinnen eine sechs Meter hohe Wand, die sich ganz, ganz langsam auf einen zubewegt. Hier regiert der stille Witz des Fluxus, der noch nachhallt, wenn man wieder nach draußen tritt, wo über nackten Backsteinfassaden die Wäsche hängt und in den Gassen Familien den Nachmittag auf dem Asphalt verbringen. Jede Autofelge könnte sich lösen, überall der Bürgersteig spontan nach oben klappen, aus dem Verkehr sich ein Rhythmus herausschälen, und von wem ist eigentlich die zwischen den Moscheetürmen gespannte Leuchtschrift: „Was hast du heute für Allah getan?“ Wenn die Kunst im Arter eine politische Wirkung hat, dann liegt sie in der Demonstration dessen, dass sich die symbolische Ordnung an jeder Stelle für ein paar Nanometer verrücken lässt.

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