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Islamischer Film : Das Kino ist zu schnell fürs Bilderverbot

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Gibt es ein „islamisches Kino“? Die westliche Kritik tut sich schwer mit dem arabischen Film. Die Debatte um das Bilderverbot im Islam klammert den Film bislang aus. Sollte er nicht in ihrem Zentrum stehen?

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          Regisseure aus der arabischen Welt oder Iran sind eine vertraute Erscheinung in der Filmwelt geworden. Mohsen Makhmalbaf, der inzwischen mit seinen Töchtern Samira und Hana ein florierendes Familienunternehmen betreibt, hat seit langem einen festen Platz in unserer Kino-Erfahrung. Und doch bleibt die Frage, wie eine Filmkritik mit Regisseuren umgeht, deren Umwelt sie nicht kennt und deren Werk sie nur mit den Kategorien beurteilt, die gewöhnlich für Filmkunst zur Verfügung stehen.

          Dieser Frage nimmt sich ein Sonderband der britischen Zeitschrift „Third Text“ (Januar 2010) an, der von dem Journalisten und Historiker Ali Nobil Ahmad als Gast betreut wurde. Schon die Themenwahl „Kino in muslimischen Gesellschaften“ wird in der Einleitung mit der Feststellung problematisiert, dass muslimische Gesellschaften in Asien, dem Nahen Osten oder in Afrika kaum vergleichbar sind. Der Herausgeber erklärt einem Experten, der die Einladung für diesen Band ablehnte, die Absicht, die Kategorie „islamisches Kino“ im Blick auf ganz verschiedene Gesellschaften, die dabei zusammengeworfen werden, als ein Klischee zu entlarven, das nur ein westliches Distanzbedürfnis befriedige.

          Akademische Totengräber des Kinos

          Doch geht es darüber hinaus um den westlichen Blick auf eine Filmproduktion, in der sich die ganz unterschiedliche Wirklichkeit der Gesellschaften spiegelt, die man als „islamische“ bezeichnet. Scharf geht Hamid Dabashi, der an der Columbia University in New York „Iranian Studies“ lehrt, mit der Diskussion um den Film „Paradise Now“ ins Gericht, der 2005 beim Europäischen Filmpreis für das beste Drehbuch und 2006 mit einem Golden Globe als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet wurde. Er war mit dem Regisseur Hany Abu-Assad nach Palästina gereist und hatte die Erfahrungen kennengelernt, die dessen arrested aesthetics zugrunde liegen.

          Die Filmkritik ebenso wie die akademische Anthropologie der „Visual Studies“, so der Autor, habe nur einen Blick für die Werkform gehabt, deren politische Dimension man verdränge. Auf eine solche Weise beschleunige Filmwissenschaft den „Tod des Kinos“ und werde Ethnologie „zum grotesken Begräbnis für jede Form von Kunst, über die sie handelt“, denn sie sauge das Leben auf, mit seinem Schmerz und seiner Lust, und neutralisiere die Auflehnung im Stoff. Deshalb sei man betriebsblind für den palästinensischen Film mit seinem „traumatischen Realismus“, in dem sich eine tiefreichende „mimetische Krise“ des Filmgenres zeige.

          Dominanz des westlichen Blicks

          Diese Kritik geht weit über den Anlass und das Medium Film hinaus, denn sie weist den akademischen Anspruch auf Deutungshoheit zurück, dem auch die nicht westliche Gegenwartskunst im Zeitalter der Globalisierung unterworfen wird. Selbst im Zeichen von Liberalität und Offenheit stellt sich rasch das Gefälle zwischen dem westlichen Blick und der übrigen Welt wieder her, wobei Kontrolle über Neugier siegt. Das Gefälle verstärkt sich dort, wo Filmkritik, ebenso wie Kunstkritik, in Schwellenländern unterentwickelt ist und deshalb die professionelle Bewertung wieder den alten Deutungsträgern zufällt. Zwar ist der westliche Blick kein Sündenfall, sondern im Grunde für uns unentrinnbar, doch sollten wir nicht das Bewusstsein davon verlieren, dass er westlichen Denkmustern unterliegt und anderen Kulturen und deren visuellen Traditionen nicht gerecht werden kann.

          Im Falle des Films liegt das Besondere darin, dass er nicht nur für den westlichen Markt und für westliche Interpreten produziert wird, sondern auch und zuerst ein großes Publikum am Ort anspricht. Umso offensichtlicher ist die Asymmetrie, die zwischen der Rezeption bei westlichen Filmfestivals und der Aufnahme am Ort eingetreten ist. Darin relativiert sich wieder der Vorteil, den der Film gegenüber der Kunstwelt besitzt, denn die bildende Kunst muss auf dem Markt verkauft und an Orten ausgestellt werden, die nur das Kunstpublikum aufsucht und in manchen Schwellenländern noch gar nicht existieren. Der Film hat es eher mit Produktionskosten zu tun, die aufgebracht werden müssen und oft nur durch Kooperation mit westlichen Stiftungen zustande kommen. Gegenüber der bildenden Kunst, die selbst in der Installation ein exklusives Medium bleibt, wird der Film auch von der Gesellschaft wahrgenommen, in welcher und für welche er gedreht wurde.

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