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Islamische Kunst in Bochum : Die geheime Botschaft der Wasserzeichen

Das Kunstmuseum Bochum vermisst die Landkarten islamischer Kunst und zeitgenössischer Kunst aus islamisch geprägten Ländern neu. Der überraschende Fluchtpunkt sind Migranten des Ruhrgebiets.

          3 Min.

          Herr Eke trägt weißes Hemd und Anzug, Frau Eke ein zum Kopftuch passendes Kleid, die Töchter dezentes Make-Up. Vater und Mutter haben in der Mitte der ledernen Sofagarnitur Platz genommen, umringt von Töchtern, Söhnen und Enkeln. Vor ihnen auf dem Couchtisch stehen Fruchtsäfte und Kekse für den Besucher bereit; die versammelte Familie schaut freundlich und neugierig - es ist, als hätten wir so eben tatsächlich als Gäste ihr Haus betreten. Warum auch nicht: Familie Eke stammt aus Libanon, lebt jedoch im Ruhrgebiet, in Dorste. Doch in ihr Wohnzimmer hat uns der finnische Künstler Tuomo Manninen geführt, mit seinem großformatigen Porträt der Ekes, das derzeit im Kunstmuseum Bochum gezeigt wird.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Mapping the Region: Unexpected/Unerwartet. Von der islamischen Kunst zur zeitgenössischen Kunst“ heißt die sehenswerte Schau des Museums, die eine Landkarte der islamischen Kunst und der Gegenwartskunst aus islamischen Kulturen zeichnet. Die Achsen der Schau bilden jahrhundertealte Artefakte und zeitgenössische Objekte. Ihr Fluchtpunkt aber, und das ist das Außergewöhnliche, sind die im Ruhrgebiet lebenden Migranten: Neben den Ekes hat Tuomo Manninen neun weitere Familien porträtiert, sie stammen aus Jordanien, Iran, Indonesien, Pakistan, Ägypten und anderen Ländern des islamischen Kulturraums.

          Ein Pfau reckt stolz das Köpfchen

          Manchen von ihnen sieht man an, dass sie schon seit Generationen hier leben. Warum sie ihre Länder verlassen haben und nach Deutschland gekommen sind, erfahren wir jedoch nicht. Sicher ist allerdings, dass sie wegen der Konflikte um Moscheenbau und muslimische Traditionen mit einer alltäglichen Voreingenommenheit konfrontiert sind, die das Bochumer Kuratorenteam Claus-Peter Haase, Necmi Sönmez und Kerstin Weber mit seiner Perspektive aufbrechen will: Es inszeniert die Migranten als Wissensträger ihrer Herkunftsregionen und verweist auf deren Reichtum an vergangener und gegenwärtigen Kultur. Es ist lohnenswert, sich beidem ohne Klischeevorstellungen zu nähern, ansonsten ist man blind für das Potential, das beidem inne wohnt.

          Eine Idee vom Reichtum islamischer Kunst geben die Artefakte aus Iran, die in Vitrinen wie kleine Inseln zwischen den Familienporträts arrangiert sind - es sind Leihgaben aus Privatsammlungen und großen Museen wie jenem für Islamische Kunst in Berlin: Da ist ein wunderschönes türkisfarbenes Keramikrelief aus dem Jahr 1308 mit floralen Elementen und Vögeln, das eine kühn geschwungene Kalligrafie wiedergibt; eine goldgefasste Zeichnung von 1630, die den Derwisch Ali-Riza im Augenblick der Heiligkeit darstellt und die später in ein indische Albumblatt geklebt wurde; eine in zarten Orange-Tönen gebrannte Keramikschale aus dem elften Jahrhundert, auf deren Grund ein kleiner Pfau stolz den Kopf empor reckt.

          Erotische Phantasien und der Orient

          Überraschender ist jedoch der zeitgenössische Teil der Ausstellung, den Mitkurator Necmi Sönmez gestaltet hat. Wie die zehn Familien, die Manninen in seinen Fotografien porträtiert, stammen auch die von Sönmez ausgewählten zehn Künstler aus islamisch geprägten Ländern. Ähnlich wie die Migranten kämpfen auch sie mit europäischem Schubladendenken - und antworten darauf mit ihrer Kunst. Der tiefe Wunsch, sich gegen die Voreingenommenheit aufzulehnen, spricht am deutlichsten aus der Videoinstallation „Stammer (Rehearsals for an Important Statement)“, die der ägyptische Künstler Shady El Noshokaty während der Eröffnung der Schau als Performance aufgeführt hat: In der Manier von Joseph Beuys steht er vor einer Schultafel, zeichnet und schreibt gleichermaßen seine Worte und Gesten nieder. Dann, um den Hals hat El Noshokaty jetzt ein Palästinensertuch geschlungen, nimmt er ein Megafon zur Hand und doziert in atemlosen Tempo in englischer Sprache: „I'm not a political artist, I'm not a gay artist, I'm not an islamic artist, I'm not a political artist, I'm not an african artist, I'm not an after 9/11 artist“.

          Die den Orient verklärende Malerei des achtzehnten Jahrhunderts, in die Europäer ihre Sehnsüchte und mitunter auch sexuellen Phantasien projizierten, nimmt hingegen Hamra Abbas in ihrer neunteiligen Fotoarbeit „Paradise Bath“ von 2009 aufs Korn. Auf der steinernen Liegefläche in der Mitte eines Hamams räkelt sich eine schneeweiße nackte Blondine und lächelt prinzessinnenhaft in die Kamera. Eine dunkelhäutige Frau ist dabei, sie zu waschen. Von den Wänden des alten türkischen Bades blättert malerisch der Putz, wie zufällig steht eine Schale mit Bananen, Äpfeln und Trauben im Raum. Die Brücke in die Gegenwart schlägt die Bekleidung der Badefrau: Sie trägt Jeansrock, Stiefel und Poloshirt - die waschende Dienerin ist die Künstlerin selbst.

          Reisepässe als Kunstgegenstände

          Dass Ornamentik auch noch heute eine durchaus politische Bedeutung haben kann und zwar nicht nur in muslimische geprägten Ländern, verdeutlicht das türkische Künstlerduo Özlem Günyol und Mustafa Kunt. Sie haben Reisepässe von Freunden gesammelt und ihre Wasserzeichen vergrößert, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. Das Ergebnis, die Installation „State Paintings“ von 2008, ist ein dickes Buch, das die reich gezeichneten Ornamente der Wasserzeichen wie mittelalterliche Miniaturen präsentiert.

          Es sind kulturell codierte Muster, mit denen Staaten an Ländergrenzen ihre Autorität durchsetzen und damit Repräsentanten nationaler Macht. Ein vergrößerter Injekt-Print zeigt das Wasserzeichen eines griechischen Reisepasses: Wie die Strahlen einer stilisierten Sonne fließen sie über ein Wellenmeer.

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