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Islamische Kunst im Louvre : Ein wilder Löwe unter einer Düne aus Metall

  • -Aktualisiert am

In Paris eröffnet der Louvre einen von Rudy Ricciotti und Mario Bellini entworfenenen Erweiterungsbau für die Islamische Kunst. Die spektakuläre Konstruktion beherbergt einige Prunkstücke aus der arabischen Welt.

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          Von oben sieht es wie eine golden glitzernde Düne aus, von der Seite wie ein fliegender Teppich aus Stahl, die Architekten sprechen mit dem berufsüblichen Hang zur nachträglichen Poetisierung ihrer Werke von einer „goldenen Wolke“, missgünstige Kritiker von einer gigantischen Scheibe Käse, andere sehen in der Form ein arabisches Zelt: noch vor der Eröffnung des Neubaus für die Islam-Abteilung des Louvre tobt der Krieg der Metaphern um das aus 2350 goldenen Streckmetalldreiecken zusammengesetzte Schwebedach, das die Architekten Mario Bellini und Rudy Ricciotti im lange unzugänglichen Visconti-Hof des einstigen Königspalasts errichtet haben.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die neue, 2800 Quadratmeter große Abteilung für Islamische Kunst im Louvre, die am 18. September eröffnet wurde und bald für das Publikum zugänglich sein wird, ruht im Schatten dieser spektakulären Konstruktion, die man auch als einen ästhetischen Gegenpol zur kristallinen Architektur der Glaspyramide im großen Innenhof lesen kann. Zwölf Meter tief wurden die zwei neuen Ausstellungsetagen in den Innenhof hineingegraben: Die Seitenwände sind verglast, so dass man oft in diesem Neubau, in den das Sonnenlicht nur indirekt und wie durch einen Filter fällt, nicht weiß, ob man sich drinnen oder draußen befindet.

          Pariser Schattenspiele

          Das gebrochene Halblicht der unteren Halle ist selbst ein wichtiges Exponat in dieser Abteilung. Es ist ein Licht, das an die Atmosphäre nordafrikanischer Souks denken lässt. Der Architekt Rudy Ricciotti, der in Marseille gerade das Musée des Civilisations du XXIe siècle hinter einer spektakulären Licht-und-Schatten-Wand aus durchbrochenem Beton errichtet, ist ein Experte für solche Effekte - ein Atmosphärenbauer, in dessen Architektur dunkle Schattenmuster ebenso zu den Bauformen zählen wie Beton und Stahl. Jedes seiner Gebäude besteht zu wesentlichen Teilen auch aus ephemeren Formen, aus Schattenbildern, die bei direkter Sonneneinstrahlung den Charakter des Hauses bestimmen, wenn Wolken aufziehen aber geisterhaft verschwinden und einen völlig anderen Raumeindruck hinterlassen.

          Diese Schattenspiele sind in Paris überraschender Nebeneffekt einer Architektur, die vor allem dem Schutz der sensiblen Exponate vor zu großer Sonnenbestrahlung dient. Die Sammlung Islamischer Kunst - gemeint ist „Islam“ hier nicht vorrangig als religiöse, sondern als geographische Kategorie, die die Kulturen des südlichen Mittelmeerraums zwischen Südspanien und Persien vom siebten bis zum neunzehnten Jahrhundert zusammenfasst - geht zurück auf eine kleine royale Kollektion, die sich schon vor 1789 im Louvre befand. Die bedeutenden Stücke kamen aber erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts in die Sammlung, als Paris zum Zentrum des Handels mit orientalischer Kunst aufstieg.

          Platz für dreitausend Exponate

          Bisher konnten die mehr als fünfzehntausend Stücke der Sammlung des Louvre ebenso wie die indischen und iranischen Teppiche und Stoffe aus dem Pariser Musée des Arts Décoratifs nur in sehr rudimentären Ausschnitten gezeigt werden. Die Louvre-Erweiterung, die 2002 auf Initiative des damaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac beschlossen wurde und mit dem Musée des Arts Premiers zu seinen „Grands Projets“ zählt, ändert das.

          Zu den 98 Millionen Euro, die der Neubau kostete, trug der Staat nur 31 Millionen Euro bei; 11,5 Millionen finanzierte der Louvre aus Eigenmitteln, der Rest sind Spenden - unter anderen des Ölkonzerns Total, des Emirs von Kuweit, des Sultans von Oman, des marokkanischen Königs und des saudischen Prinzen Al-Walid Bin Talal, der allein siebzehn Millionen Euro gab. Offenbar fand in den arabischen Königshäusern und Emiraten geradezu ein Spendenüberbietungswettbewerb statt.

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