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„Iran Inside Out“ : Wie viel Realismus erlaubt eine Diktatur?

  • -Aktualisiert am

Die niedergeschlagenen Demonstrationen in Iran haben in Amerika das Bild von der „Achse des Bösen“ erschüttert: Das New Yorker Chelsea Art Museum stellt jetzt die Kunst des Landes aus.

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          Seit dem Sturz des Schah vor dreißig Jahren ist Iran ein rotes Tuch für die Vereinigten Staaten. Die Schmach der Geiselnahme von Teheran in den Jahren 1979 bis 1981, bei der zweiundfünfzig amerikanische Diplomaten 444 Tage gefangen gehalten wurden und ein amerikanischer Befreiungsversuch kläglich misslang, ist in der amerikanischen Psyche sonst nur vergleichbar mit dem Vietnam-Krieg. Die Angst vor islamischem Fundamentalismus und iranischem Atomprogramm ließ George W. Bush mit der „Axis of Evil“ eine Schublade erfinden, die das Bild Irans in der amerikanischen Allgemeinheit bis heute geprägt hat. Nach wie vor ist die Diplomatie zwischen den beiden Nationen extrem kompliziert: Es fällt der pakistanischen Botschaft zu, iranische Interessen in den Vereinigten Staaten zu vertreten, während die Schweizer Botschaft amerikanische Interessen in Iran repräsentiert.

          Die jüngst in Iran brutal niedergeschlagenen Demonstrationen haben dagegen eine neue Welle der Sympathie für die Bevölkerung ausgelöst: Vor diesem Hintergrund ist umso bedeutender, dass gerade jetzt in New York zum ersten Mal eine Ausstellung über fünfzig zeitgenössische iranische Künstler vorstellt. „Iran Inside Out“ wird im Chelsea Art Museum präsentiert, einem privaten Museum, das erst im Jahr 2002 gegründet wurde. Die zweihundertzehn Exponate sind über drei Stockwerke verteilt. Fünfunddreißig der ausgestellten Künstler leben in Iran, einundzwanzig leben in der Diaspora, vor allem in Metropolen wie New York, London und Berlin.

          Vom Mann zur Frau gewandelt

          Einige der Zeitgenossen, die in Iran leben, sind erstaunlich freizügig, so etwa Vahid Sharifian, der 1982 in Isfahan geboren ist. Er kreiert Fotomontagen, in denen er nur mit Unterhosen oder noch weniger bekleidet als absurder Superheld auftaucht und im Kampf mit einem Weißkopfseeadler, dem amerikanischen Wappentier, Feuer spuckt wie ein Zirkusakrobat. Die achtundzwanzigjährige Newsha Tavakolian begleitet in einer Serie von Schwarzweißfotografien eine ältere Frau, die in jungen Jahren ein Mann war. Während Homosexualität in Iran illegal ist, sind Geschlechtsumwandlungen nicht ungewöhnlich. „Maria“, so der Titel der Bilderserie, hüllt das Bild des bärtigen Mannes, der sie einst war, in eine Plastikfolie, sie schminkt sich, zieht sich an und sitzt mit Kopftuch im Bus, scheinbar schwer tragend an ihrem dunklen Geheimnis.

          Die in New York lebende Shirin Neshat, Jahrgang 1957, die wohl bekannteste zeitgenössische Künstlerin aus Iran, ist mit einer bewegenden Videoinstallation mit dem Titel „Turbulent“ aus dem Jahr 1998 vertreten. Auf zwei einander gegenüberliegenden Leinwänden sind ein persischer Sänger vor applaudierendem Publikum auf der einen Seite und eine persische Sängerin vor leerem Saal auf der anderen Seite zu sehen und zu hören. Ihre klagenden, leidenschaftlich rufenden und gurrenden Töne vermitteln auch demjenigen Besucher einen schwermütigen Hauch von Nostalgie, der kein einziges Wort davon versteht.

          Emigranten zeigen sich eher traditionsbewusst

          Verschiedene Themenkreise von der „Axis of Evil“ bis zum zeitgenössischen Leben auf der Straße binden die Künstler locker zusammen. Dabei fällt auf, dass insgesamt die figürliche Darstellung vorherrscht, sei es in den Schwarzweißfotografien von Alireza Ghandchi, die von Draht umwickelte Körperteile zeigen und sich mit dem Thema Folter auseinandersetzen, oder in der fotorealistischen Malerei von Daryoush Gharahzad, der moderne junge Iranerinnen vor der Kulisse graffitibeschmierter Wände darstellt. Der Zugriff auf traditionell persische Motive, zum Beispiel Kalligraphie und architektonische Ornamente, geschieht überraschenderweise häufiger bei denjenigen Künstlern, die Iran verlassen haben, als bei den in Iran lebenden.

          Ala Ebtekar, 1978 als Sohn iranischer Eltern in Kalifornien geboren, bedeckt Buchseiten aus arabischen und persischen Gebetsbüchern mit Kriegern, die wirken, als ob sie über die Interpretation eines Textes streiten würden. Samira Abbassy kam 1967 als Zweijährige von Iran nach England und hat aus dem Gefühl heraus, die ihr unbekannte Kultur erklären zu müssen, eine eigene Mythologie entwickelt. Sie bemalt kleine weiße Tafeln mit braunen Märchengestalten und immer wieder den zwanghaft kriegerischen, bärtigen Reitern.

          Mit kritischem Zynismus

          Vollkommen entgegengesetzt arbeitet das in Iran lebende Künstlerteam Shirin Aliabadi und Farhad Moshiri. Die beiden mischen, wie sie selbst sagen, „Poesie und Spülmittel“. Was dabei herauskommt, sind an westlicher Werbung orientierte, plakative Bilder, die sowohl als Kritik des Kapitalismus als auch an Fundamentalismus gelesen werden können. So zum Beispiel wird das Waschmittel „Intifada“ mit einem Vorher-nachher-Vergleich beworben, bei dem eine Muslimin mittleren Alters erst traurig ein vollkommen blutgetränktes Hemd in die Höhe hält und nachher lächelnd ein fleckenlos weißgewaschenes. Mit ähnlichem Zynismus haben sie zwei Geschirrspülmittel fotografiert, die „Shoot“ und „Make Friends Later“ heißen.

          Einige der Künstler beschäftigen sich mit dem Thema Sexualität und Tabu: Shahram Entekhabi, Jahrgang 1963, der in London, Berlin und Teheran zu Hause ist, hat 605 postkartengroße Anzeigen verschiedener englischer Prostitutionsringe gesammelt und die nackten Frauen darauf mit schwarzem Edding verschleiert. Neben den Versprechungen wie „Satisfaction Guaranteed“ oder „Body to Body Massage“ sind nur noch ihre verführerischen Silhouetten, ihre Augen und Hände zu sehen, alles andere verschwindet hinter einer Art Tschador. Der Kontrast zwischen dem streng muslimischen Gewand und dem Bild der willigen Sünderin, die sich dahinter verbirgt, lässt sich sowohl als Kritik an der Prostitution als auch an den orthodoxen Kleidungszwängen lesen.

          Verschleierte Polizistinnen

          Prostitution ist auch das Thema der in Iran lebenden Künstlerin Shirin Fakhim, die lebensgroße Puppen geschaffen hat und sie „Tehran Prostitutes“ nennt. Den Kopf der einen bildet ein grüner Küchenmörser, über dem eine blonde Perücke hängt. Dick geblähte Ballons klemmen in schwarzen Strumpfhosen und bilden Bauch oder Rumpf dieser absurden, in Reizwäsche gezwängten Geschöpfe. Auf den melonengroßen Brüsten prangen kleine Granatäpfel, kniehohe Stiefel mit hohen Absätzen und Leopardenmuster vervollständigen das Outfit.

          Rund 100.000 Prostituierte soll es in Teheran geben - sie allerdings sind auf der Straße weniger aufreizend gekleidet. Auf der anderen Seite des Gesetzes stehen die Frauen, die der in Iran lebende Abbas Kowsari auf seinen Fotografien dokumentiert: es sind Iranerinnen bei der Ausbildung zu Polizistinnen. Verschleiert beim Einsatz mit gezückten Pistolen, ist diese Art von Uniform für westliche Augen höchst ungewohnt.

          Parastou Forouhar, die 1962 in Teheran geboren ist und seit 1991 in Deutschland lebt, bemüht sich seit Jahren um die Aufklärung des Mordes an ihren Eltern, die als oppositionelle Politiker aktiv waren. Forouhars Videoinstallation „Spielmannszüge“ zeigt Figuren, kaum weiter ausgearbeitet als Strichmännchen, in kaleidoskopartiger Aufstellung. Sie bewegen sich wie in einem Uhrwerk, ohne sich aus ihren Mustern befreien zu können. „Der Zustand des Wartens scheint die gesamte iranische Gesellschaft zu betreffen“, schreibt die Künstlerin im Katalog. „Während eine Gruppe auf die Freiheit, die Revolution, das Eingreifen des Westens oder auf Reformen wartet, wartet die andere Gruppe auf die religiöse Erlösung durch die Rückkehr des Mahdi, des von Gott gesandten Messias.“

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