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„Iran Inside Out“ : Wie viel Realismus erlaubt eine Diktatur?

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Ala Ebtekar, 1978 als Sohn iranischer Eltern in Kalifornien geboren, bedeckt Buchseiten aus arabischen und persischen Gebetsbüchern mit Kriegern, die wirken, als ob sie über die Interpretation eines Textes streiten würden. Samira Abbassy kam 1967 als Zweijährige von Iran nach England und hat aus dem Gefühl heraus, die ihr unbekannte Kultur erklären zu müssen, eine eigene Mythologie entwickelt. Sie bemalt kleine weiße Tafeln mit braunen Märchengestalten und immer wieder den zwanghaft kriegerischen, bärtigen Reitern.

Mit kritischem Zynismus

Vollkommen entgegengesetzt arbeitet das in Iran lebende Künstlerteam Shirin Aliabadi und Farhad Moshiri. Die beiden mischen, wie sie selbst sagen, „Poesie und Spülmittel“. Was dabei herauskommt, sind an westlicher Werbung orientierte, plakative Bilder, die sowohl als Kritik des Kapitalismus als auch an Fundamentalismus gelesen werden können. So zum Beispiel wird das Waschmittel „Intifada“ mit einem Vorher-nachher-Vergleich beworben, bei dem eine Muslimin mittleren Alters erst traurig ein vollkommen blutgetränktes Hemd in die Höhe hält und nachher lächelnd ein fleckenlos weißgewaschenes. Mit ähnlichem Zynismus haben sie zwei Geschirrspülmittel fotografiert, die „Shoot“ und „Make Friends Later“ heißen.

Einige der Künstler beschäftigen sich mit dem Thema Sexualität und Tabu: Shahram Entekhabi, Jahrgang 1963, der in London, Berlin und Teheran zu Hause ist, hat 605 postkartengroße Anzeigen verschiedener englischer Prostitutionsringe gesammelt und die nackten Frauen darauf mit schwarzem Edding verschleiert. Neben den Versprechungen wie „Satisfaction Guaranteed“ oder „Body to Body Massage“ sind nur noch ihre verführerischen Silhouetten, ihre Augen und Hände zu sehen, alles andere verschwindet hinter einer Art Tschador. Der Kontrast zwischen dem streng muslimischen Gewand und dem Bild der willigen Sünderin, die sich dahinter verbirgt, lässt sich sowohl als Kritik an der Prostitution als auch an den orthodoxen Kleidungszwängen lesen.

Verschleierte Polizistinnen

Prostitution ist auch das Thema der in Iran lebenden Künstlerin Shirin Fakhim, die lebensgroße Puppen geschaffen hat und sie „Tehran Prostitutes“ nennt. Den Kopf der einen bildet ein grüner Küchenmörser, über dem eine blonde Perücke hängt. Dick geblähte Ballons klemmen in schwarzen Strumpfhosen und bilden Bauch oder Rumpf dieser absurden, in Reizwäsche gezwängten Geschöpfe. Auf den melonengroßen Brüsten prangen kleine Granatäpfel, kniehohe Stiefel mit hohen Absätzen und Leopardenmuster vervollständigen das Outfit.

Rund 100.000 Prostituierte soll es in Teheran geben - sie allerdings sind auf der Straße weniger aufreizend gekleidet. Auf der anderen Seite des Gesetzes stehen die Frauen, die der in Iran lebende Abbas Kowsari auf seinen Fotografien dokumentiert: es sind Iranerinnen bei der Ausbildung zu Polizistinnen. Verschleiert beim Einsatz mit gezückten Pistolen, ist diese Art von Uniform für westliche Augen höchst ungewohnt.

Parastou Forouhar, die 1962 in Teheran geboren ist und seit 1991 in Deutschland lebt, bemüht sich seit Jahren um die Aufklärung des Mordes an ihren Eltern, die als oppositionelle Politiker aktiv waren. Forouhars Videoinstallation „Spielmannszüge“ zeigt Figuren, kaum weiter ausgearbeitet als Strichmännchen, in kaleidoskopartiger Aufstellung. Sie bewegen sich wie in einem Uhrwerk, ohne sich aus ihren Mustern befreien zu können. „Der Zustand des Wartens scheint die gesamte iranische Gesellschaft zu betreffen“, schreibt die Künstlerin im Katalog. „Während eine Gruppe auf die Freiheit, die Revolution, das Eingreifen des Westens oder auf Reformen wartet, wartet die andere Gruppe auf die religiöse Erlösung durch die Rückkehr des Mahdi, des von Gott gesandten Messias.“

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