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Interview mit Daniel Richter : „Die meisten Maler sind doof“

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Ich glaube nicht, dass das geht. Ich glaube, dass Kunst, ganz stumpf, in erster Linie gute Kunst sein sollte. Das ist schon schwierig genug. Die muss weder von guten Menschen noch für gute Menschen sein. Das Einzige, was mich immer interessiert hat, ist, eine Begrifflichkeit von den herrschenden Verhältnissen zu haben, von den Bildern, die sie produzieren. Oder als Maler herauszufinden, wie wirkungsmächtig Bilder sind und in welchem Rahmen sie funktionieren, ideologieübergreifend. Man sagt ja, dass der Maler dümmer ist als andere Künstler, weil er mit einem Medium arbeitet, das ihn weniger zur Reflexion zwingt. Gute Malerei findet immer unter Einbeziehung der Mediendebatten drum herum statt, der Debatten über das Foto, das Kriegsbild und so weiter. Die meisten Maler interessiert das aber gar nicht. Die beschäftigten sich nur mit malerei-immanenten Dingen und mit ihren Vorlieben, deswegen ist die meiste Malerei auch so doof, und die meisten Maler sind auch doof. Tut mir leid.

Als Professor in Wien arbeiten Sie ja immerhin daran, wenigstens die Studenten klüger zu machen. Bis vor kurzem haben Sie das auch an der Universität der Künste in Berlin getan. Diese Professur haben Sie aber nach kürzester Zeit hingeschmissen. Warum?

Wegen Doofheit. Oh Mann, ist das in solchen Dingen eine doofe Stadt, das ist echt schockierend. Die Studenten sind ja nur das Ergebnis des Lehrkörpers, und wenn der Lehrer schlapp, faul und selbstzufrieden ist, dann sind die Studenten auch so. So eine Mischung aus Großmäuligkeit und Mufftum, Popanz und dann irgendwie doch nur ein Kothaufen sein, zwischen bürokratischem Wahn, Schurigelung, Vorschriftenmachenwollen, Hintenrumseilschaften . . . Ich habe noch nie an so einer Scheißhochschule gearbeitet.

Sie hatten eine der letzten C-4-Professuren. Das, wovon die meisten Ihrer Kollegen träumen. Ein Auskommen bis ans Lebensende . . . Nicht nur Ihre Mutter wird gefragt haben, ob Sie wahnsinnig seien.

Deshalb haben die mir ja auch nicht geglaubt, als ich gesagt habe, ich gehe. Aber jetzt bin ich weg.

Nun ist es nicht so, dass sich Daniel Richter ums Geld Sorgen machen müsste. Seine Bilder sieht er nach der ersten Galerieausstellung in der Regel nicht wieder. Einige hat er von den Sammlern noch nicht mal für seine Retrospektive zurückleihen können. Von solchen Bildern, etwa dem Programmbild „Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen wir alle sterben“, will er in Hamburg zumindest kleinformatige Vorstudien ausstellen.

Das Gemälde, das er bis dahin noch fertigmalen will, zeigt eine Straßenszene aus St. Pauli. Wie auf den einschlägigen Darstellungen aus dem Barock weiß man nicht, ob die sich feilbietenden Damen in Fenstern sitzen oder Bilder im Bild sind. Aus der Bildinschrift „Eros“ wird gerade „Heros“, vielleicht aber auch „Hers“ oder alles gleichzeitig. Erstmals taucht bei Richter so etwas wie Porträtmalerei auf, ganz klassische Ähnlichkeit, wenn man so will, eine der letzten großen Bastionen, mit der man es bei der Rückeroberung des Bildfeldes von links zu tun bekommen kann.

Richter hat zu diesem Zeitpunkt noch knapp eine Woche Zeit bis zur Abgabe. Eigentlich nicht zu schaffen, vor allem wenn man, statt zu malen, ausführliche Interviews gibt. Aber er sagt, er brauche den Zeitdruck, sonst würde er nie fertig. Sonst würde er stundenlang in die offenstehenden Möglichkeiten starren und die Zeit vertrödeln. Dieses Jahr hat er erst drei Bilder gemalt. „Aber das Jahr ist ja noch jung. Dieses Jahr male ich noch vierzig. Oder hundertzwanzig.“

Ich dachte, Sie sind gerade Vater geworden?

Eben. Der Junge muss ja ernährt werden.

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