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Interview mit Daniel Richter : „Die meisten Maler sind doof“

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Viele halten ja Hamburg für eine Schnöselstadt zum Geldverdienen und Berlin für unreglementiert und billig, Sie machen es umgekehrt: Hier Paris-Bar-Champagner, dort Bierchen im Golden Pudel Club . . .

Mein Freund Ted von den Goldenen Zitronen, klassisch Boheme, also auch klassisch arm, sagt: Das ist Class-Hopping. Aber das wäre ja dann so ein bewusster Akt.

Wo liegen die kulturellen Unterschiede?

Es gibt eine kleine Szene, und die ist sehr produktiv, das war immer so. Deshalb sind Berliner Phänomene, wie Bushido oder Sido oder solche Schwachköpfe, oder Salomé in der Malerei, in Hamburg nie möglich gewesen, weil es in der Stadt immer diesen extremen Reflexions- und Argumentationsdruck gab. Und der färbt auf dich ab, ob du nun Maler bist oder Rapper. Weil es eine andere Genealogie gibt. Und du kommst ja nicht aus der raus, wenn du in einer Stadt bist, in der Nossack und Jahn und Fichte gewesen sind, und unter den Künstlern Polke, Büttner, Oehlen, und unter den Rappern die Absoluten Beginner oder die Bands der Hamburger Schule. Und das zurrt ja immer auch einen Kern fest, um den herum sich ganz viele Leute argumentativ gruppieren. Das sind ja nicht nur diese einzelnen Figuren, sondern das sind die Szenen, die sie umgeben. Die Bands und die hundert Leute, mit denen sie reden.

Mit diesen Bands und für diese Szene betreiben Sie das Label Buback Tonträger . . .

. . . ich bin der Besitzer. Mir gehört Jan Delay! Haha.

Dieses Interesse an Szenen, Gruppen, Kollektiven, „Zusammenhängen“, rhizoide Wucherungen im Untergrund, sei es in der Musik, sei es das Umfeld der Hafenstraße . . .

. . . Hasenstrafe . . .

. . . kann man das als Grundinteresse an „Strukturen“ auch für die Bilder geltend machen, speziell die der abstrakten Phase?

Interessante Idee. Ich habe ja früher immer versucht, mich dahingehend zu äußern. Ich weiß gar nicht, ob das damals angekommen ist. Ich habe immer gesagt, dass ich das als einen Versuch sehe, möglichst widersprüchliche Momente zu organisieren in so einem Bild: Tiefe, Höhe, zu viel Farbe, zu viel Matsch, zu viel Schlauheit, zu viel Dummheit, Fingermalerei, Pinselmalerei, Feinmalerei. Eben um zu sehen, wie das Bild dann so eine Sammlungsbewegung wird.

Richter malt figurativ. Früher malte er abstrakt. Aber je genauer man hinschaut, desto weniger stellt sich das als Bruch dar. Im Atelier steht ein eben begonnenes Bild, das - wie bei Phylogenese und Ontogenese - deutlich macht, wo die Figuren herkamen. Es wird wohl auf eine Gestalt hinauslaufen, die von einer Woge angeschwemmt wird. Die Gestalt fehlt noch. Aber das Bild sieht schon so aus, wie man sich fühlt, wenn man mit dem Kopf in die Brandung gerät.

Diese hysterischen Schlieren, diese Art zu malen, wo kommt das her?

Das hat sich irgendwie verselbständigt. Am Anfang war dieses Fleckenhafte, das kennt man ja zum Beispiel von Filmen, wenn die durchschmoren. Eigentlich sind es immer die paranoiden Blicke: Infrarot! Drogen! Geistererscheinungen! Hightech-Nachtsichtgeräte, Leute kommen vom Dunklen ins Helle, dieser Kram. Der Ursprung waren die Blicke, die eigentlich jeder kennt, die in der Malerei aber nicht auftauchen und die ich immer als beunruhigend wahrgenommen habe. Das ist so eine Ebene, wo man weiß, da liegt irgendeine Bedrohung, ein Geheimnis, irgendeine Offenbarung.

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